Mit langem Warten hatten sie ja gerechnet, die deutschen Alpinen, bei den Ski-Weltmeisterschaften in Saalbach-Hinterglemm. Denn die besten Aussichten auf Medaillen gab es in den beiden Slaloms am Ende der Titelkämpfe. Dann allerdings schien die Chance schon vergeben, ehe es in buchstäblich letzter Sekunde doch noch klappte. Linus Straßer hatte sich bereits damit abgefunden, dass auch er leer ausgehen würde. Blech statt Bronze, Platz vier statt Siegerehrung. Doch dann schied der nach dem ersten Slalom-Lauf deutlich führende Clement Noel aus Frankreich im Finaldurchgang aus – und für den 32 Jahre alten Münchner hatte plötzlich doch noch Bronze gewonnen.
Straßer hat damit die deutsche Bilanz im Salzburger Land gerettet und die erste medaillenlose WM seit 2007 in Are verhindert – wobei er davon nichts wissen wollte. „Es war definitiv wichtig, auch wenn ich die Medaille nicht für den Deutschen Skiverband geholt habe. Die habe ich für mich geholt“, sagte er. Zum ersten Mal bei einem Großereignis stand Straßer auf dem Siegerpodest. In den vier Jahren davor war er zwar stets mit der Empfehlungen eines Weltcup-Sieges oder zumindest einiger Top-drei-Platzierungen im Weltcup zu Weltmeisterschaften gereist, aber dort dann nicht mehr ganz in Bestform angetreten. Dieses Mal war es anders herum. Ohne einen Podestplatz im Winter kam er in Saalbach an, dafür mit deutlich ansteigender Leistungskurve. Dass er, wie er selbst wusste, nicht „zu den Top-Top-Favoriten“ gehörte, war vielleicht ganz gut. Andere verspürten einen größeren Druck und scheiterten daran wie der viermalige Saison-Sieger Noel.
Straßers Bronze war ein versöhnlicher WM-Abschluss für den DSV, der allerdings sein Ziel, zwei Einzelmedaillen und einmal Edelmetall in einem Teamwettbewerb, klar verpasst hat. Es ist sicher vor dem Männer-Slalom auch nicht alles schiefgelaufen, im Gegenteil, die Titelkämpfe, sagte Sportvorstand Wolfgang Maier, hätten gezeigt, „dass wir schon eine Perspektive haben“. Er verwies auf die sehr respektablen Auftritte von Emma Aicher in Abfahrt und Super-G (jeweils Sechste) und bei den Männern im Riesenslalom. Nach dem Ausfall des Besten, Alexander Schmid, „waren wir da komplett verschwunden“, sagte Maier. Nun habe Anton Grammel mit seinem zwölften Platz und Laufbestzeit im zweiten Durchgang bewiesen, „dass hinten was nachkommt“.
Aber die WM hat auch Defizite aufgezeigt, vor allem bei den Männern in den schnellen Disziplinen. Verbesserungspotenzial sieht Maier allgemein in der Skitechnik. Auf die Veränderungen, „die Pistenpräparierung und Material mit sich bringen, müssen wir uns besser einstellen“. Aber auch bei der mentalen Wettkampfhärte gelte es zuzulegen, findet der DSV-Sportvorstand: „Wir müssen es schaffen, dass wir unsere Athleten in eine Position versetzen, wo sie sich zutrauen, mit den Besten mitzufahren.“ Neben dem Können sei immer auch die eigene Überzeugung ausschlaggebend. Bei Straßer hat die allerdings gestimmt am Schlusstag der WM.
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