Er geht zurück, weit hinter die Grundlinie. Auf dem Weg dahin spielt er noch den Ball Richtung andere Seite, dahin, wo Ben Shelton gleich aufschlagen muss. Denkt zumindest Alexander Zverev. Er hantiert noch mit seinem Dämpfer im Schläger, wirft noch mal einen obligatorischen Blick in die Box. Da steht sie schon mit hochgerissenen Armen und jubeln. „Du hast gewonnen“, ruft Bruder Mischa ihm zu.
Nun erst realisiert der Hamburger, dass die Partie vorbei ist, dass er das Finale der US Open in New York gewonnen und seinen zweiten Grand-Slam-Titel binnen 98 Tagen eingefahren hat. „Ich dachte, es steht 5:1“, sagte er später. Aber es stand schon 6:2. Die Unruhe im Arthur Ashe Stadium, dem mit 24000 Zuschauern gefüllten größten Tennis-Tempel der Welt, ist riesig. Da merkt der 29-Jährige nicht, dass Schiedsrichterin Marijana Veljovic aus Serbien längst „Game, Set, Match, Zverev“ gesagt hat. „Das war nicht zu verstehen. Aber dass ich das alles nicht mitbekommen habe, war vielleicht ganz gut. So war ich null aufgeregt vor dem letzten Spiel.“ Von dem er nicht wusste, dass es das letzte sein konnte.
Nach den French Open in Paris ist die Nummer 2 der Welt nun erneut auf dem Tennis-Thron. Seine Bilanz 2026 ist bislang überragend und wird es auch, unabhängig vom Ausgang der letzten Monate des Jahres, bleiben. Zwei Majors-Titel, dazu das Finale von Wimbledon, das er gegen Überflieger Jannik Sinner verlor, sowie das Halbfinale der Australian Open. „Und da war ich auch nur ein Aufschlagspiel vom Finale entfernt“, erinnert sich der „Sportler des Jahres“ von 2021, der nun natürlich gute Chancen hat, diese Auszeichnung ein zweites Mal zu holen.
Was ihm auf dem Weg zu seinen Titeln half, war eine Umstellung seines Spiels. Der neue Zverev ist viel aggressiver. Das forderten Experten seit Jahren. Vergessen das furchtbare Jahr 2025, als er in der ersten Runde von Wimbledon ausschied und alles infrage stellte. Personell änderte er dann aber doch nichts, sondern reagierte auf dem Trainingsplatz. Besuche in der Akademie von Rafael Nadal wurden häufiger. Vor einem Jahr noch ohne große Wirkung, nun aber mit durchschlagendem Erfolg. Der Altmeister selbst, mit 22 Grand-Slam-Titeln dekoriert, schaut zu, wenn Zverev übt, vor allem aber Nadals Onkel Toni Nadal, der ich zum Weltstar formte, stand oft mit auf dem Court. „Zu hören, was sie über mein Spiel denken, das gefällt mir, das hilft mir“, so Zverev.
Das Besondere an seinen Triumphen: Zverev ist der erste Diabetiker, der im Tennis derart erfolgreich ist. Im Alter von vier Jahren wurde die Krankheit bei ihm diagnostiziert. „Die Ärzte sagten, Leistungssport könne ich vergessen“, erzählt er. Aber Mama Irina dachte gar nicht daran, dass sich die Familie dem Schicksal ergibt. In seiner Siegerrede in Flushing Meadows erinnerte der nunmehr zweimalige Grand-Slam-Champion auch daran: „Wenn die Ärzte dir sagen, dass das Leben und die sportlichen Möglichkeiten dieses Kindes eingeschränkt sein werden, dann braucht es eine unglaublich starke Mutter, um aus der Praxis zu gehen und zu sagen: ‚Du kannst tun, was du möchtest, denn diese Krankheit wird uns nicht definieren.‘ Sie ist der stärkste Mensch, den ich kenne, denn es erfordert unglaubliche Stärke, das zu tun.“
Das nächste, das Zverev auf dem Platz tun möchte, ist, die Nummer 1 der Welt zu werden. „Wenigstens für eine Woche.“ Dafür muss er Sinner ablösen, der nach wie vor am Knie verletzt ist. Wann er zurückkommt, ist offen. Aber dann hat der Italiener viele Punkte zu verteidigen und Comebacks nach langen Verletzungspausen sind nicht einfach, siehe Carlos Alcaraz, der in New York schon im Viertelfinale ausschied. Zverev hat also noch viel vor. Oder wie Uli Hoeneß einst sagte: „Das war’s noch nicht!“
Text: Sebastian Kayser
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