Jahrelang stand Johannes Lochner im Schatten von Francesco Friedrich. Das änderte sich endgültig mit den letzten beiden Rennen seiner Karriere. Was für ein Happyend für den 35 Jahre alten Bobpiloten aus Berchtesgaden, den alle nur „Hansi“ nennen. Durch eine eindrucksvolle Machtdemonstration hatte er schon im Zweier mit Georg Fleischhauer triumphiert, nun wiederholte er seine Gala-Vorstellung am Finaltag in Cortina mit dem großen Schlitten. Überlegen gewann er sein zweites Olympiagold, das zugleich achte und letzte für die deutsche Mannschaft bei den Winterspielen.
Als Lochner um 12:59 Uhr das letzte Mal die Zeitnahme passierte hatte, strahlten er und seine Anschieber Thorsten Margis, Jorn Wenzel und Georg Fleischauer mit der Sonne in den Dolomiten um die Wette. Erneut untermauerte er mit Bahnrekord und Laufbestzeiten seine Dominanz. Und das wiederum vor seinem fünf Monate älteren Erzrivalen Francesco Friedrich, der ihn vor vier Jahren in Peking in beiden Konkurrenzen auf Platz zwei verwiesen hatte. Er gehörte zu Lochners ersten Gratulanten. „Es gibt nichts Großartigeres, als wenn der Plan so aufgeht. Das ist ein Glücksgefühl – unfassbar, einfach unbeschreiblich“, jubelte Lochner.
Friedrich versus Lochner – die von viel Reibung aber stetem Respekt geprägte Rivalität der beiden reicht weit zurück. Vor 15 Jahren nahm Onkel Rudi Lochner, Olympia-Zweiter1992 und Weltmeister 1991, den Neffen erstmals mit an den Eiskanal am Königssee und läutete damit „Hansis“ sportliche Laufbahn ein. Es entwickelte sich ein Dauerduell auf höchstem Niveau – mit einem meist besseren Ausgang für Friedrich. 16 Weltmeistertitel und vier Olympiasiege machten ihn zum Kufen-King. Obwohl er bei den wichtigsten Meisterschaften fast immer von Friedrich besiegt wurde, war Lochner froh, „dass es Francesco gibt, sonst wären wir beide nicht so gut geworden.“
Friedrich gilt als akribischer Tüftler, der nichts dem Zufall überlässt. „Wir haben wirklich an allen Stellschauben, die es gibt, nochmal geschraubt“, sagte er vor Beginn seiner vierten Winterspiele. „Wir dachten, wir haben etwas gefunden. Aber es reichte halt einfach nicht.“ Lochner dagegen vertraute oft mehr seinem Instinkt. Nach den Winterspielen in Peking wollte er schon „hinschmeißen“, weil er keinen „Bock mehr auf Sport hatte“. Doch dann kam das „Gaudi-Jahr 2023“ mit dem Gewinn der Zweierbob-WM, wobei Georg Fleischhauer erstmals als Anschieber im Schlitten saß.
Da die deutschen Cracks mit dem FES-Schlitten der Baunummer 211 unterwegs waren, kam es in Cortina auf die Kufenwahl und Fahrlinie an. Friedrich vermutete zwar, dass Lochner am Set-up irgendwas gefunden habe, was wahnsinnig gut laufe. „Da unterliegt er einem Irrglauben“, hielt der Bayer dagegen und verwies auf seine Fahrlinie: „Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass ich ein bisschen anders fahre als die anderen. Es sind minimalste Lenkbewegungen genau an der richtigen Stelle. Francesco hatte an vielen Stellen mehr zu kämpfen, mehr gelenkt.“
So blieb dem Bundespolizisten aus Pirna „nur“ zweimal Silber, worüber er sich nicht wirklich freuen wird. Er wollte Geschichte schreiben mit einem goldenen Hattrick und damit zum erfolgreichsten Athleten seiner Sportart werden. Dieses Prädikat muss er nun Thorsten Margis überlassen, mit dem er in Pyeongchang und Peking doppelt gesiegt hatte. Wegen Differenzen trennten sich vor zwei Jahren ihre Wege, wobei der von Margis zu Lochner führte. Als Trost bleibt Friedrich, dass er mit vier Gold- und zwei Silberplaketten erfolgreichster Pilot der Bobhistorie ist. Ob er im Gegensatz zum Hansi weitermachen wird, ließ er offen.
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