Die deutsche Nationalelf hat nach zwei Vorrundenblamagen bei der WM 2026 einiges gutzumachen. Bundestrainer Julian Nagelsmann ist auf dem richtigen Weg, aber vom Finale will nicht mal Kapitän Joshua Kimmich sprechen.
Es ist neuerdings ein beliebtes Fotomotiv, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) an großen Glasscheiben links vom Haupteingang angebracht hat. Die mächtigen Bilder bezeugen die vier historischen Triumphe bei Weltmeisterschaften von 1954, 1974, 1990 bis 2014, die allesamt ein Stück Zeitgeschichte geworden sind. Gleich daneben hängt auch die Illustration für die WM 2026. Niemand jubelt mit dem Goldpokal, na klar, dafür sind unter den Gastgeberländern USA, Mexiko und Kanada bloß die Anstoßzeiten für die drei Vorrundenspiele gegen Curacao in Houston (14. Juni/19 Uhr), Elfenbeinküste in Toronto (20. Juni/22 Uhr) und Ecuador in East Rutherford/New Jersey (25. Juni/22 Uhr) abgedruckt.
Demut ist für die DFB-Auswahl ja durchaus angebracht. Wer als Titelverteidiger 2018 in Russland vom hohen Ross fällt und auch 2022 in Katar eigentlich alles falsch macht, der kann eigentlich nicht den fünften Stern als Ziel benennen. Genau das hat Julian Nagelsmann getan, als die Heim-EM am 5. Juli 2024 im Viertelfinale gegen Spanien (1:2 n.V.) unglücklich endete. Es tue weh, „dass man zwei Jahren warten muss, bis man Weltmeister wird“, sagte der Bundestrainer in jener Nacht in Stuttgart. Was flapsig klang, war ernst gemeint.Heute steht Sportdirektor Rudi Völler auf dem Standpunkt: „Wir gehören nicht zu den absoluten Topfavoriten.“ Im WM-Trainingslager empfahl Kapitän Joshua Kimmich: „Wir sollten nicht über das Finale oder den Titel nachdenken. Das ist ein Traum, den jeder im Kopf hat. Das bringt uns am Anfang des Turniers aber nicht vorwärts.“ Immerhin stimmten bei der Nationalmannschaft die letzten Länderspiele Einstellung und Haltung, waren Lust und Leidenschaft zu erkennen. Aus der Blamage gegen die Slowakei (0:2) zum Auftakt der WM-Qualifikation wurden die richtigen Lehren gezogen.
Nagelsmann selbst hat die Zahl seiner Experimente deutlich reiduziert; der 38-Jährige überfrachtet die Spieler nicht mehr mit taktischen Vorgaben wie in seiner Anfangszeit, als mit Kai Havertz einer der besten Offensivspieler auch mal den Linksverteidiger gab. Florian Wirtz und Jamal Musiala bekommen vorne alle Freiheiten, Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah sind hinten als Innenverteidiger gesetzt – und anders als beim FC Bayern spielt Kimmich rechts hinten, weil Fußball-Deutschland ansonsten gar keinen Rechtsverteidiger von internationalem Niveau besitzt. Das Gerüst auf dem Feld steht.
Am meisten diskutierte die National mal wieder über den Torhüter. Das Comeback von von Manuel Neuer besitzt weiterhin Spaltpotenzial. Vor allem, weil offenbar die mächtige Fraktion vom FC Bayern auf die Rückkehr drängte. Doch der 40-Jährige war mal der beste Torwart der Welt – seit vielen Jahren ist er das nicht mehr. Dazu kommt eine erhebliche Verletzungsanfälligkeit. Immerhin: Der in der WM-Qualifikation zuverlässige Keeper Oliver Baumann hat sich loyal gegeben, die Menschen feierten ihn in Mainz beim WM-Test gegen Finnland (4:0) mit Sprechchören. Es würde nicht wundern, wenn die Kapriolen in der Kiste sich durchs XXL-Turnier (11. Juni bis 19. Juli) ziehen.
Alles in allem ist das deutsche Team weniger Wundertüte als vor vier Jahren, aber gewiss noch nicht gefestigt genug, fix mit dem Viertelfinale zu planen, das übrigens 40 Prozent der Bundesligaprofis für das Ziel mit der höchsten Wahrscheinlichkeit halten. Dafür müsste die Nagelsmann-Elf indes vermutlich mit Frankreich einen der gesetzten Topfavoriten im Achtelfinale eliminieren. Danach könnte diese Besetzung eigentlich nur gewinnen. Um bei der Wahl zu Deutschlands „Team des Jahres“ auf die Liste zu kommen, darf die Mannschaft sich nicht ein drittes Mal blamieren.
Vielleicht orientiert sich Nagelsmann bei seiner WM-Premiere einfach am Pragmatismus, den Christian Wück vergangenen Sommer bei den Frauen hat walten lassen. Dessen Nationalteam kam zwar bei der EM 2025 zwar nicht ins Finale, aber die leidenschaftlichen Auftritte in der Schweiz reichten, um bei der Ehrung in Baden-Baden noch auf den fünften Platz zu kommen. Letztmals zur Mannschaft des Jahres wurden deutsche Fußballer übrigens vor zwölf Jahren gewählt, als der bislang letzte WM-Titel heraussprang. Die mit dem Goldpokal jubelnden Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski kann man sich am DFB-Campus anschauen. Und ein Schwarz-Weiß-Bild vom Siegtor von Mario Götze.
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