Von dieser Europameisterschaft können die deutschen Fußballerinnen einiges mitnehmen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Christian Wück alle in einem großen Kreis versammelt hatte. Heftig prasselte bereits der Regen über Zürich, als der Bundestrainer einen letzten Appell an seine Fußballerinnen richtete. Botschaft seiner nächtlichen Ansprache: Aus der zwar verdienten, aber dennoch unglücklichen Niederlage im EM-Halbfinale gegen Spanien (0:1 nach Verlängerung) auch Kraft saugen. Sich nicht entmutigen lassen. Motto: Halbfinale verloren, Herzen gewonnen.
Der 52-Jährige gestand, er sei nach seiner emotionalen EM-Premiere im Frauenbereich „komplett leer“, richtete aber ein Gesamtlob an diese verschworene Gemeinschaft: „Wir können stolz darauf sein, dass wir so ein Turnier gespielt haben, dass wir so eine Euphorie entfacht haben.“ Völlig zu Recht, weil die Spielerinnen zu jeder Sekunde alles aus sich herausgeholt hatten. Dass es im neunten Länderspiel gegen die spanischen Ballkünstlerinnen erstmals eine Niederlage gab, hatte sich angesichts der spielerischen Dominanz des Gegners angekündigt. Nur tragisch, dass die eigentlich tadellose Torhüterin Ann-Katrin Berger im entscheidenden Moment nicht aufpasste.
Gedanklich war sie nach einem Ballverlust von Sydney Lohmann und Stellungsfehler von Janina Minge schon in Erwartung einer Flanke, ging einen Schritt zu weit in die Mitte und zeigte bereits ins Zentrum, als Weltfußballerin Aitana Bonmati in der 113. Minute der Verlängerung einen „Geniestreich“ (Christian Wück) anbrachte, der mit Vehemenz in die Torwartecke rauschte.
„Ich nehme die Schuld auf mich, die kurze Ecke muss zu sein, ganz klar. Da kann ich noch so viele Paraden machen“, sagte Deutschlands Fußballerin des Jahres. „Es tut mir unfassbar leid, nicht für mich, sondern für die Mannschaft.“ Sie hatte mehrere E-Mails an ihren 92 Jahre alten Opa Herbert Horner geschrieben, damit der bereits nach Zürich komme – und nicht erst zum Finale nach Basel. Nun gab der Großvater, der selbst in seinem Leben viel mitgemacht hat, den Trostspender für eine von zwei Krebserkrankungen geheilte Torfrau, die sich erhobenen Hauptes von dieser EM verabschiedete.
Berger glaubt an eine goldene Zukunft dieses Ensembles, das bei der WM 2027 in Brasilien aus ihrer Sicht weit kommen kann: „Die Mädels haben unfassbar Talent. Die Mädels haben unfassbaren Willen, die haben Leidenschaft, die haben den Teamgeist. Die Mentalität kann uns keiner nehmen.“ Wück formulierte klar, welche Lehren aus diesem Ausscheiden gezogen werden sollten. „Wir müssen uns im Ballbesitzspiel und in der Technik verbessern.“ Für ihn dienten „die Chancen, die wir nicht gut zu Ende gespielt haben“, als nur ein Beleg.
Es brauche noch einen Entwicklungsschritt, „damit wir irgendwann eine Mannschaft haben, die Turniere gewinnen kann.“ Die Titelträume sind auch bei dieser EM geplatzt – diesmal schon vor dem Finale, in dem sich Spanien und England in Basel (Sonntag 18 Uhr/ZDF) duellieren. Zwei Nationen, räumte Wück ein, die aktuell im Frauenfußball einen Schritt weiter seien – und wie schon 2023 bei der WM in Australien und Neuseeland im Endspiel stehen.
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