„Hansi‘ am Ziel

„Hansi‘ am Ziel

LOCHNER Johannes, FLEISCHHAUER Georg (Deutschland) jubeln auf dem Podium bei der Siegerehrung ueber den Sieg
„Hansi‘ am Ziel

Endlich hat er seinen lang ersehnten Traum wahr werden lassen. Und das in seinem letzten Rennen mit dem kleinen Schlitten. Eine glorreichere Dramaturgie seiner Karriere hätte es also nicht geben können. Der Jubel von Johannes Lochner war dann auch grenzenlos, als er am Dienstagabend mit seinem Anschieber Georg Fleischhauer zum vierten Mal die Ziellinie auf dem Eiskanal im Cortina Slidung Center passierte. Mit frappierender Dominanz sicherten sie sich den Olympiasieg im Zweierbob vor den Erzrivalen Francesco Friedrich und Alexander Schüller sowie den Olympiadebütanten Adam Ammour und Alexander Schaller. Die deutschen „Bobbies“ wiederholten damit ihren Dreifacherfolg von vor vier Jahren in Peking.

Es war eine grandiose Zwei-Mann-Show die Lochner und Fleischhauer über die beiden Wettkampftage geboten haben. In allen vier Läufen fuhren sie Bestzeiten, begonnen hatten sie mit einem Bahnrekord (54,68 Sekunden). Schon bei Halbzeit lagen sie mit acht Zehntelsekunden vor Friedrich, der nach den Doppel-Triumphen von Pyeongchang und Peking den goldenen Hattrick anvisierte. Es blieb ein Wunschdenken. Nach dem finalen Durchgang lag Lochner (Gesamtzeit 3:39,70 Minuten) 1,34 Sekunden vor Friedrich und 1,82 Sekunden vor Ammour.

Souveräner, sagte Lochner, hätte es nicht laufen können. „Mit so einem Vorsprung hatte ich niemals gerechnet. Ich dachte, dass man vielleicht von Lauf zu Lauf ein Zehntel gegenüber Francesco rausfahren kann. Aber dass es dann so viel ist, das ist natürlich der Wahnsinn, einfach genial.“

„Es ist vollbracht.“ Mit einem Schrei der Erlösung in den glasklaren Sternenhimmel der Dolomiten ließ Lochner seinen Emotionen dann auch freien Lauf. Vor vier Jahren in Peking hatte er sich hinter Friedrich mit Rang zwei begnügen müssen, obwohl er auch schon mit der dortigen Bahn „brutal gut zurechtkam. Dass ich kein Gold gewann, lag am schwachen Start.“ Aus dieser Erkenntnis heraus schwor sich Lochner, wenn er noch einmal bei Winterspielen starte, dann werde er mit einem stärkeren Anschieber den Spieß umdrehen.

Für den 35-jährigen Berchtesgadener war zudem klar, nachdem er im vorigen Herbst das Weltcuprennen im neuen Eiskanal von Cortina gewonnen hatte: „Ich muss die Bahn nur gerade runterfahren, denn die Bahn liegt mir. Im Zweier können wir uns nur selbst schlagen.“ Lochner behielt recht, wobei ein Garant des Triumphs sein zwei Jahre älterer Hintermann ist. Seit Sommer 2022 bildet er mit Fleischhauer ein Team. Mit dem einstigen Deutschen Meister über 400 Meter Hürden legte er am Start noch einmal wie erhofft zu, der Rekord im ersten Lauf (4,78 Sekunden) beweist es.

Seit über einem Jahrzehnt liefern sich Friedrich und Lochner ein Duell um die Krone ihres Sports. Der brisante Zweikampf zwischen dem eher introvertierten Sachsen und dem extrovertierten Bayern erlebte sein erstes Highlight bei den Weltmeisterschaften 2017, als sich beide den Titel im Viererbob teilten. Beste Freunde waren beide nie und werden sie auch nicht werden. Trotz mancher Diskrepanz bereut Lochner „nichts, was zwischen uns war oder ist. Ich bin froh, dass es Francesco gibt, sonst wäre ich nie so gut geworden. Wir haben uns gegenseitig gepuscht. Auch er wäre ohne mich nie so gut geworden.“

Auf dem nach der italienischen Boblegende Eugenio Monti benannten Eislabyrinth wird die Rivalität nun ihren Schlussakkord finden. Vor Saisonbeginn hatte Lochner angekündigt, nach den Winterspielen seine Karriere zu beenden und das als Olympiasieger. Nicht wenige glaubten, dass er sich mit seiner Prophezeiung übernommen habe, doch Lochner erweist sich bislang als extrem nervenstark, anders als der einstige Souverän Friedrich.

Derart deprimiert, wie nach dem Scheitern seiner dritten Goldmission in Serie war der Schützling von Gerd Leopold noch nie zu sehen, zumal wenn er bei internationalen Meisterschaften eine Medaille gewonnen hat. „Wir haben alles probiert, doch es lief einfach nicht“, sagte der Bundespolizist mit gequältem Lächeln. Der Rekord-Weltmeister und -Weltcupsieger könne sich einfach nicht erklären, warum „Hansi“ ihm so gnadenlos den Schneid abgekauft hat. „Irgendetwas ist bei ihm schneller“, rätselte Friedrich. „Es ist möglicherweise die Gesamtkombination. Vielleicht fährt er auch hier und da ein bisschen besser, wie auch immer. Er ist wahnsinnig schnell. Wir haben das Ganze versucht aufzuholen, doch es blieb leider beim Versuch.“ Dennoch war der „Franz“ der erste Gratulant im Ziel.

Vielleicht gelingt Friedrich am Schlusstag der Winterspiele die Revanche mit dem großen Schlitten. Gewinnt er am Sonntag mit seinem Team wenigstens Bronze, würde er zum erfolgreichsten Piloten der olympischen Historie aufsteigen. Mit einem fünften Olympiasieg gebührt ihm das Prädikat des erfolgreichsten Bobsportlers der Geschichte, das bislang noch der frühere Anschieber Kevin Kuske innehat – mit vier Gold- und zwei Silbermedaillen. Der Potsdamer ist Athletiktrainer von Fleischhauer und gehörte zu dessen ersten Gratulanten an der Eispiste.

Die Party im Deutschen Haus steigt erst am Sonntag. Und die Legende besagt, dass Bobfahrer sehr gut feiern können, der „Hansi“ aber auch da alle schlägt – laut seinem Freund Felix Neureuther.

Bild: picture alliance

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