Pressearbeit in Tokio

Am Jahresende wählen die Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) die „Sportler des Jahres“ – in einem olympischen Jahr stehen in der Regel die Protagonisten im Fokus. Aber ganz so einfach war es diesmal für die Berichterstatter nicht, vor Ort zu recherchieren.
Die Arbeitsbedingungen für die rund 160 deutschen Print- und Onlinejournalist*innen sowie Fotograf*innen bei den Olympischen Sommerspielen von Tokio litten unter pandemiebedingten Einschränkungen, wie VDS-Geschäftsführerin Ute Maag in ihrer Bilanz ausführt.
War es vernünftig, die Olympischen Spiele trotz der Pandemie durchzuziehen? Ganz sicher nicht. Hat es funktioniert? Das schon. Am Ende dieser Party, der leider jede Stimmung fehlte und bei der die Einheimischen nicht mal mitfeiern durften, lässt sich sagen: Während die Infektionszahlen in der Millionenstadt stetig stiegen und bedrohliche Ausmaße annahmen, blieb die olympische „Bubble“, die die japanischen Organisatoren um die Medienvertreter*innen gelegt hatte, von einem Corona-Ausbruch verschont. Der Preis dafür war hoch, wurde aber von allen Akkreditierten akzeptiert: Die strenge Maskenpflicht wurde trotz tropischer Hitze und Schwüle eingehalten, Gesundheitsdaten übermittelt und Spucktests abgegeben, Hände zigfach am Tag desinfiziert und massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in den ersten 14 Tagen hingenommen – obwohl längst nicht alle Maßnahmen sinnvoll erschienen und die Kommunikation mit den Gastgebern schwierig war. Was nicht nur an der unerwartet hohen Sprachbarriere lag.
Sollte es die Strategie des lokalen Organisationskomitees TOCOG gewesen sein, durch möglichst viel Bürokratie und Verunsicherung im Vorfeld möglichst viele von der Reise in die Olympiastadt abzubringen, dann muss man feststellen: Die Rechnung ging auf. Nur rund 160 deutsche Medienvertreter*innen aus den Bereichen Print, Online und Foto waren vor Ort – ein historischer Tiefststand bei Sommerspielen.
Als die Spiele Fahrt aufgenommen hatten, waren die Arbeitsbedingungen dann nicht so schlecht wie befürchtet. Zwar hatte das Wlan im Main Press Center seine Schwächen und auch der Transport in den Medienbussen geriet bisweilen zum Geduldsspiel, dafür überraschte TOCOG aber auch mit einer gern genommenen Annehmlichkeit: 14 Taxi-Voucher im Wert von je 10.000 Yen (rund 77 Euro) erhielt jede*n Akkreditierte*n, das war ausgesprochen großzügig und hilfreich. Die japanischen Gastgeber erwiesen sich als gute und auch lernfähige Organisatoren. In vielen Venues wurden kreative Lösungen gefunden, um trotz der geforderten Abstände von einem Meter zwischen Journalist*innen und zwei Metern zwischen Interviewer*in und Sportler*in möglichst viele Berichterstatter*innen mit O-Tönen zu versorgen - zum Beispiel, indem Aufnahmegeräte auf Tabletts gelegt werden konnten, die dann vor den Athlet*innen platziert wurden.
Dass Zuschauer generell von den Wettbewerben ausgeschlossen blieben, kam den Kapazitäten auf der Medientribüne zugute und es ist mehr als nur ein Gerücht, dass ein Buchungschaos und Systemversagen nur dadurch verhindert wurde, dass kaum Absagen erteilt wurden. Gab es sie doch, basierten sie meist auf Unwissen und konnten in einigen Fällen durch persönliche Ansprache der Venue Manager in Zusagen umgewandelt werden. Auch dieser organisatorische Aufwand musste von den Medienvertreter*innen geleistet werden – zusätzlich zum journalistischen Job und an Arbeitstagen, die früh morgens begannen und bis spät in die Nacht dauerten. Da schlug es manchen aufs Gemüt, dass beim Essensangebot im Pressezentrum Fastfood, Mikrowellengerichte und Instantsuppen dominierten und Alternativen durch die 14-tägige „Soft-Quarantine“ zunächst nicht erreichbar waren. 15 Minuten durfte ein Einkauf im nächstgelegenen Supermärktchen dauern. Obst war Mangelware.
Zum Glück gab es aber auch manches, das war wie immer. Der Ticketservice des IOC, seit vielen Jahren geleitet von Gabi und Hugo Steinegger sowie Gary Kemper, war stets ansprechbar und fair wie immer, trotz der auch für das IOC-Team deutlich schwierigeren Bedingungen. Nie war die Zahl der High Demand Events, für die jede Nation ein festgelegtes Kartenkontingent erhält, höher: Zu Eröffnungsfeier, Schwimm-Finals und Schlussfeier kamen Turnen, Tennis und Leichtathletik hinzu. Für Handball und Basketball wurde der High-Demand-Status dagegen kurzfristig wieder aufgehoben. Schon zu den Olympischen Spielen in Peking in wenigen Monaten soll ein digitalisiertes System die bislang auf Papier gedruckten Tickets ablösen. Die Verteilung wird jedoch in den Händen der nationalen Press Attachés bleiben. Eine gute Nachricht für die Akkreditierten, die sich nach der Pandemie dann wieder auf ihre journalistische Arbeit konzentrieren können.

 

 

 

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Großer Preis für Ronny

Im vergangenen Jahr wurde ein Bericht über Ronald Rauhe mit dem „Großen Preis“ des Verbandes deutscher Sportjournalisten ausgezeichnet – eine beeindruckende Schilderung über einen außergewöhnlichen Sportler, der auf dem Weg zu seinen sechsten Olympischen Spielen war. Der Text verdeutlichte, dass sich kaum einer so quälen kann wie der Kanute aus Potsdam – der jetzt die Ernte für unendlichen Einsatz einfuhr. Gold im Vierer über 500 m, im Boot mit Tom Liebscher, Max Rendschmidt und Max Lemke. Die Jüngeren wissen, dass Ronny das Team immer zusammengehalten hat. „Ohne ihn hätten wir kein Gold gewonnen.“ Obwohl nur das Ersatzboot (das Original wurde beim Transport beschädigt) zur Verfügung stand – und sich Spanien als erwartet starker Gegner präsentierte.
Jetzt wird der Familienmensch sind endlich um seine Lieben kümmern können – Pläne für die berufliche Zukunft schmieden. Wenn die Tränen von Tokio getrocknet sind. Der 16-fache Weltmeister beendet seine Karriere als „Ikone des Kanusports“. Der 39-Jährige rettete die Bilanz der sonst so erfolgsverwöhnten deutschen Kanuten, erlebte ein Happy End wie aus dem Bilderbuch. Danke, Ronny.

Bild: picture alliance

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Sportdiplomatie des Team D

Staunen verbreiteten 14- und 15-jährige Chinesinnen, die sich vom Sprungturm drehen und hechten als würden sie das seit zig Jahren trainieren. Wie geht das – und der Goldschatz der erfolgreichsten Olympia-Nation wächst täglich weiter. Das Reich der Mitte gewinnt das Ranking der Podiumsplätze souverän. Aber auch die Gastgeber sowie Australien oder Großbritannien reisen bald mit einer sagenhaften Ausbeute nach Hause.
Viele jubeln und feiern bei diesen außergewöhnlichen Spielen, am meisten in Erinnerung bleiben die rührenden Szenen von Sportlerinnen und Sportlern, die sonst nie im Rampenlicht stehen, denen nur Olympia eine kolossale Bühne bietet. Ja, für sie in erster Linie hat es sich gelohnt, dass IOC und Japans Macher der Pandemie trotzten. Viele litten und feierten mit Kanuten, Judokas, Ringern oder Seglern. Ihre Tränen der Rührung, mit einjähriger Verspätung, blieben haften.
Das trifft auch auf viele deutsche Athletinnen und Athleten zu. Das Team D erlebte nicht nur den einzigartigen Tag 11 mit elf Medaillen, sondern positionierte sich oft bärenstark beim Kräftemessen der Sportwelt. Als Gewinner, jedoch ebenso bei Niederlagen – sympathisch und herzlich grüßten die Allermeisten aus Asien – via TV – in die Heimat. Das Team D betrieb gute Sportdiplomatie.
Das Gros der Goldmedaillen scheffelten überragende Sportlerinnen von Malaika Mihambo bis Julia Krajewski – da wird die Wahl zur „Sportlerin des Jahres“ im Dezember zum goldenen Laufsteg. Baden-Baden, wo in diesen Tagen auch das kulturelle Leben wieder erwacht, die ersten Veranstaltungen terminiert sind, freut sich schon heute auf den 19. Dezember.
Es waren nicht nur die Überflieger wie Sascha Zverev oder der Bahnvierer der Damen, die für himmlische Momente sorgten. Zum Beispiel der favorisierte Deutschland-Achter: wie die kräftigen Recken ihre Silbermedaille kommentierten, nicht missmutig wie Englands EM-Kicker nach dem Finale in London, sondern den Besseren gratulierend. Respekt. Oder Ringer Frank Stäbler, der ausgemergelt den bronzenen Strohhalm ergriff und deutlich machte, welche Entbehrungen Aktive für ihren olympischen Traum auf sich nehmen. Mit Verlaub, das verschlägt einem die Sprache, so den Körper für einen Platz auf dem Podium zu foltern. Ein Grund mehr, das Hohe Lied auf die Spiele, trotz mancher vorgetragenen Kritik am Kommerz, anzustimmen.
Tokio 2021 – schön, dass dieser Traum für die Protagonisten des Sports doch wahr wurde. Das gilt in gleichem Maße für die Fernsehkonsumenten, die stundenlang live mitfieberten. Mon Dieu, was machen wir ab nächster Woche – ohne die tagfüllenden Top-News aus Tokio? Beruhigend, dass anschließend die Paralympicer die Lücke füllen und Peking 2022 und Paris 2024 gar nicht mehr so fern sind.

Bild: picture alliance

 

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Sommermärchen für Wellbrock

Florian Wellbrock (23) ist der zweite männliche Goldmedaillen-Gewinner dieser Olympischen Sommerspiele von Tokio. Neben den Powerfrauen und Alexander Zverev. Damit fuhr Wellbrock für den deutschen Schwimmverband (DSV) die erste Goldmedaille seit 13 Jahren ein. Als sein persönliches „Sommermärchen“ beschrieb Wellbrock den 13. Wettkampftag der „Spiele“ im Interview mit dem ZDF.
Ab dem Start der 10 km Freiwasser-Disziplin im rund 30 Grad warmen Wasser der Tokio Bay dominierte er seine Kontrahenten. Bereits nach wenigen hundert Metern hatte er einen deutlichen Vorsprung, obwohl er „noch gar nicht richtig gearbeitet hatte“. Nach der gesamten Distanz unter Extrembedingungen kam der Magdeburger deutlich früher als der Zweit- und Drittplatzierte mit ca. 25 Sekunden Vorsprung ins Ziel und musste sich erstmal mit kaltem Wasser abkühlen.
Schon im Becken war Florian Wellbrock die große Hoffnung des DSV, verpasste eine Medaille über die 800 Meter Freistil nur knapp, im Wettkampf über 1500 Meter Freistil wurde er Dritter, auch seine Verlobte Sarah Köhler belegte in der selben Disziplin den Bronze-Rang. Seinen Heimtrainer aus Magdeburg, Bernd Berkhahn, Bundestrainer des DSV und  „Trainer des Jahres“ 2020 begeisterte Wellbrock: "Das ist noch nicht wirklich angekommen. Dafür war jetzt zu viel Spannung die vergangenen Tage und Wochen. Aber das kommt schon noch.", sagte Berkhahn den Kollegen der dpa.

Bild: picture alliance

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