„Das Jahr war einfach Bombe“

Als die letzten Gäste am frühen Morgen das Kurhaus in Baden-Baden verließen, war es noch grün an der Oos. Ein paar Stunden später erwachte Deutschlands Sportelite bei Schneefall. Der Winter hatte Einzug gehalten im Rheintal und das war auch irgendwie ein Symbol für die Sportlerwahl 2017, die mit Ausnahme bei der Mannschaft des Jahres Athleten oben sah, die auf Schnee ihre Erfolge feierten. Laura Dahlmeier, die Ausnahme-Biathletin, kam im modisch feschen Dirndl und kunstvoll arrangiertem Haar auf die Bühne, obwohl die 24-Jährige noch ein paar Stunden vorher in den französischen Alpen in Le-Grand-Bornand erfolgreiche Tage mit Rang drei im Massenstart am Ende abgeschlossen hatte. Dann ab im Flieger nach Baden-Baden mit der Erkenntnis im Gepäck. „Wenn es läuft, dann läuft‘s“. Wohl wahr, sechs Starts bei der Biathlon-WM Anfang des Jahres in Hochfilzen, sechs Medaillen, davon fünf Goldene. So erklomm die Frau, die auch mal in den Anden auf 6000 Meter hohe Berge steigt, den Gipfel der Sportlerwahl. Und das getreu ihrem Motto: Sorge dich nicht, lebe, oder wie man bei ihr zu Hause in Oberbayern im O-Ton-Süd sagt. „Scheiß di nix, dann fehlt dir nix.“
So ist es, der Biathlon-Star kam bei der Wahl von 3000 Sportjournalisten vor Turn-Weltmeisterin Pauline Schäfer und Isabell Werth, der Grand Dame im Dressursport, ins Ziel und attestierte am Festabend, „schwere Beine und Freude auf Weihnachten.“ Die Müdigkeit wich aber in der Wohlfühl-Atmosphäre bei der Gala rasch. „Es ist eine große Ehre für mich, hier oben zu stehen“, sagte sie – und die goldene Statue in ihrer Hand war vielleicht auch schon ein Zeichen für die Olympischen Spiele im Februar in Südkorea.
Da will auch Johannes Rydzek hin, der Sportler des Jahres 2017. Der Nordische Kombinierer mit dem breiten Lachen und der modischen Fliege zum dezent schwarzen Jackett strahlte so entspannt, wie es  ihm nach seinen vielen Siegen vor Erschöpfung meist erst nach ein paar Minuten gelang. Im finnischen Lahti konnte er das bei der WM aber gleich viermal. Zwei Einzeltitel, zwei Mannschafterfolge, das hat vor ihm noch keiner geschafft und so war sein Wahlerfolg vor Ironman-Sieger Patrick Lange und Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter konsequent. Stramm auf Linie ist auch der Super-Kombinierer Rydzek, der schon einmal die Heini-Klopfer-Schanze in Oberstdorf gebremst von einem Gummiseil nach oben gerannt ist. Man gönnt sich ja sonst nichts. „Jetzt ist aber erst einmal Weihnachten mit der Familie, dann geht es weiter Richtung Olympia“, sagte der 26jährige Allgäuer, der „dankbar“ war gewonnen zu haben, angesichts der starken Konkurrenz.
Ein wenig Pause haben noch Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, die nach 2016 zum zweiten Mal nacheinander Mannschaft des Jahres wurden, was vor ihnen noch kein Team in der langen Geschichte der Journalistenwahl geschafft hat. Nach Olympiagold 2016 in Rio gab es 2017 in Wien einen umkämpften Final-Showdown bei der WM mit den beiden deutschen Beachgirls vorne. Ein harter Sport, der auch Tribut fordert. Kira Walkenhorst trug Krücken zum roten Kleid. Hüft-Op vor zehn Tagen, der achte Eingriff in ihrer  Karriere. „Ich weiß ja inzwischen, wie sich das anfühlt“, sagte die 27Jährige lachend – „und auch, dass es danach wieder weitergeht.“ Die Damen vom Strand haben jedenfalls noch nicht genug auch nicht vom Feiern in Baden-Baden. „Das Jahr war einfach Bombe“, sagte Laura Ludwig.
Und konnte danach unbeschwert feiern auf einer Gala, bei der es nichts zum Hadern gab. Es ging schon auf zwei Uhr am frühen Montagmorgen zu, als eine immer noch stattlich Zahl der etwa 750 Gäste im Badener-Badener Kurhaus am Feiern war. Gut sieben Stunden vorher hatte sich die heimische Sportelite mit edlem Essen und 1000 Gesprächen auf das Familienfest des deutschen Sports eingestimmt. Es gab es Tataki von Thunfischwürfel, Kalbsfilet und Pistazienschokolade gefüllt mit Frischkäsemousse und Hagebutte, später im Foyer Fingerfood vom Band, feine Weine, Bier oder lieber Espresso. Die Wahl zum Sportler des Jahres ist nun 71 Jahre alt, aber trotz des vornehmen Ambientes immer noch jung.
Die Gala lebt also und frisch verletzt hat sich am Ende auch keiner, obwohl man zu vorgerückter Stunde höllisch aufpassen musste, um nicht über die überall achtlos drapierten Stöckelschuhe zu stolpern, die so manche Athletin dann doch ausgezogen hatte, bevor sie das Tanzbein schwang. Im kommenden Jahr wird das „Wohlfühl-Fest des Deutschen Sport“ (Veranstalter Klaus Dobbratz)  zum 50. Mal in Baden-Baden über die Bühne des Kurhauses gehen. Ob es dann im Bénazet-Saal wieder nach Winter aussieht, könnte sich in einigen Wochen bei den Spielen in Pyeongchang zeigen. Gefeiert wird aber erneut an der Oos und das dann zum 72. Mal und zum 50. Mal in Baden-Baden.


 

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