Newcomer des Jahres hat sich etabliert

Nein, Berührungsängste scheint Vinzenz Geiger nicht zu kennen. Jedenfalls nicht an diesem herrlichen Sommertag im August dieses Jahres, an dem der 22-Jährige bei der „Allgäuer Festwoche“ in Kempten, einer Mischung aus Gewerbeschau und Oktoberfest, Gast eines öffentlichen Sporttalks ist. Das Interview auf der Bühne des Stadtparks meisterte der Nordische Kombinierer aus Oberstdorf, der sich standesgemäß in Schale, sprich Tracht geworfen hat, souverän: ohne Ähs und Ähms, keine Versprecher oder platte Sportlerfloskeln. Er plauderte darüber, dass er den Anti-Doping-Kampf im Sport unterstütze, auch wenn er für Kontrollen ständig verfügbar sein und drei Monate im Voraus planen müsse, wann er denn mal bei seiner Freundin pennt. Geiger eiert nicht rum, erzählt offenherzig, dass die Erinnerungen an den Olympiasieg in Pyeongchang mit der deutschen Mannschaft immer wieder mal hochkommen würden, und es für ihn jedes Mal wieder „krass sei zu hören, dass ich wirklich Olympiasieger bin“. Und ach ja, die Goldmedaille liege einfach irgendwo im Schrank.
 
Geigers Erfolgshunger ist noch längst nicht gestillt:  Er schwärmt „voller Vorfreude“ von der Nordischen Ski-WM in anderthalb Jahren vor seiner Haustür in Oberstdorf und er stellt seinen Dauer-Optimismus auch als Fußball-Fan zur Schau. Keine Frage, sein Lieblingsclub FC Bayern München werde auch in dieser Saison wieder deutscher Meister. Da widerspricht er beim Festwochen-Interview sogar Alfons Hörmann, dem DOSB-Präsidenten, der versuchte, als oberster Sportfunktionär des Landes neutral zu bleiben: „Wer weiß, vielleicht schaffen es diesmal ja doch Dortmund oder Leverkusen.“ Geiger schüttelte vehement mit dem Kopf, um wenige Minuten später für ein Zeitungsfoto mit Hörmann eine Allgäuer Abwandlung der bayerischen Mia-san-Mia-Mentalität zu demonstrieren und in Lederhosen und Edelweißträgern kraftvoll die Hände zusammenzuschlagen. Ja, Geiger tut nicht nur so – er gehört wie Hörmann inzwischen zu den „g‘standenen Mannsbildern“ im deutschen Sport.

Im vergangenen Dezember wurde Geiger bei der Sportler-des-Jahres-Wahl im Kurhaus in Baden-Baden als Newcomer 2018 ausgezeichnet. Von „Die Sieger-Chance“, einer Zusatzlotterie der Glücksspirale, bekam der Allgäuer einen 8000 Euro-Scheck – überreicht von Johannes Rydzek, seinem Idol, Klubkameraden beim Skiclub Oberstdorf und Mannschaftskollege beim Olympia-Triumph. Doch Geiger hat schon im vergangenen Winter gezeigt, dass er nicht irgendein Shootingstars im Wintersport ist, sondern sich mit großem Trainingsfleiß und Beharrlichkeit in der Weltspitze etablieren konnte.  Nur einen Monat nach der Auszeichnung bei der Sportler-Gala feierte er im italienischen Val di Fiemme seinen ersten Einzelsieg im Weltcup, nachdem er am letzten Anstieg den Turbo gezündet und seinen Zimmerkollegen und Freund Rydzek einfach stehengelassen hatte. Dass es bei der WM in Seefeld „nur“ zu Silber mit der Mannschaft reichte, hat Geiger längst abgehakt: „Mei, ich hatte mir kurz vor der WM einen Virus eingefangen und konnte nicht das zeigen, was ich eigentlich zeigen wollte.“

Mit der vergangenen Saison sei er dennoch „superzufrieden“ gewesen. Mit Rang fünf im Gesamt-Weltcup, einen Platz übrigens hinter Johannes Rydzek, hat Geiger bewiesen, dass er zu den beständigsten DSV-Startern gehört. Und wie man sich am sechsfachen Weltmeister Rydzek vorbeischiebt und die Nummer eins im deutschen Team wird, hat er in Val di Fiemme ja eindrucksvoll bewiesen. Berührungsängste kennt der Newcomer des Jahres sicher nicht. 

Foto: Ralf Lienert

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