Rudern: Saison-Auftakt und Finale in einem

Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Saison normalerweise schon lange beendet ist, trifft sich am Wochenende ein Großteil der europäischen Ruderer zur Europameisterschaft auf dem Malta-See in Poznan.

Das Corona-Virus hat seine Auswirkungen auch im Rudersport hinterlassen. Kein einziger Weltcup im Jahr 2020, alle geplanten Weltmeisterschaften abgesagt, Olympia vorerst auf das Jahr 2021 verschoben. Die Ruderer hatten sich schon damit abgefunden, eine komplette Saison nur mit Training und ohne jeden Wettkampf überstehen zu müssen. Erleichterung deshalb, dass bei der täglich steigenden Zahl von Risikogebieten und den damit verbundenen Auflagen und Reisewarnungen Polen bislang verschont blieb. Damit wird der Saison-Auftakt der Ruder-Elite gleichzeitig zum Saison-Finale.

Der Deutsche Ruder-Verband nutzt diese Gelegenheit, seinen besten Athleten im Jahr 2020 noch eine Wettkampfmöglichkeit zu bieten. Neben den beiden Weltmeister-Booten mit Oliver Zeidler im Einer und dem Deutschland-Achter hat der DRV in seinem EM-Team 13 der 14 Bootsklassen besetzt.

Einer-Weltmeister Oliver Zeidler aus Schwaig hat mit 22 Konkurrenten die quantitativ und auch qualitativ am stärksten besetzte Bootsklasse. Für den 24-Jährigen kommt es zur Revanche des knapp, mit drei hundertstel Sekunden Vorsprung, gewonnenen WM-Finales 2019 gegen Silbermedaillen-Gewinner Sverri Nielsen aus Dänemark und Bronze-Ruderer Kjetil Borch aus Norwegen.

Für den Deutschland-Achter, Zweiter der Wahl „Mannschaft des Jahres“ 2019, gibt es dagegen nicht einmal einen Vorlauf. Nur fünf Boote haben gemeldet, so dass es damit direkt ins Finale am Sonntag geht. Schmerzlich dabei, dass der „Clasico“, das Duell mit dem alten Rivalen Großbritannien ausfällt. Der britische Verband verzichtet aufgrund der Corona-Situation komplett auf die EM-Teilnahme. So dürften die Niederländer, die bei der WM 2019 überraschend die Silbermedaille gewannen, härtester Konkurrent des deutschen Flaggschiffs sein. Die anderen Boote im WM-Finale kamen aus Übersee. In Poznan komplettieren Italien, Litauen und Rumänien das Achter-Feld der Männer. Für Trainer Uwe Bender ist die EM, mangels Wettkampf- und damit Vergleichsmöglichkeiten trotzdem „ein Schuss ins Blaue“. Sein Team bleibt auch in dieser Situation Favorit und hat das Ziel, zum achten Mal in Folge EM-Gold gewinnen.

Unter Druck steht, trotz der nur vier Boote im kleinsten EM-Feld, der nur auf zwei Positionen veränderte Frauen-Achter. Die DRV-Frauen sind noch nicht für Olympia qualifiziert, enttäuschten mit Platz 10 bei der WM 2019. Unerwartet gibt es plötzlich Konkurrenz im eigenen Verband. Bei der U23-EM, vor fünf Wochen in Duisburg, ruderte das DRV-Nachwuchsboot völlig überraschend zur Goldmedaille, der ersten seit über zehn Jahren. Sollte der Frauen-Achter in Poznan erneut deutlich hinter der Konkurrenz rudern, dürften die Frauen aus dem B-Team ihre Ansprüche auf die Olympia-Qualifikation anmelden.

Für die WM-Dritten Jason Osborne (Mainz) und Jonathan Rommelmann (Krefeld) wird die EM im Leichtgewichts-Doppelzweier eine weitere Zwischenstation zur angestrebten Olympia-Medaille. Bis auf die Goldmedaillengewinner aus Irland ist in dieser Bootsklasse das komplette WM-Finalfeld von 2019 am Start.

Bäumchen wechsle Dich heißt es im sonst so medaillenträchtigen Skull-Bereich der Frauen, der neun Monate vor den Sommerspielen auf der Suche zurück in die Erfolgsspur und nach den besten Olympia-Formationen ist. Vierer-Olympiasiegerin Annekatrin Thiele (Leipzig) rückt nach drei enttäuschenden Jahren im Einer zu Leonie Menzel (Düsseldorf) in den Doppel-Zweier. Deren bisherige Partnerin Pia Greiten (Osnabrück) probiert sich im Einer. Im Doppel-Vierer, bei der WM „nur“ auf Platz vier, ersetzt Europameisterin Carlotta Nwajide (Hannover) Michaela Staelberg (Krefeld).

Im Doppel-Vierer der Männer verfolgt Altmeister Karl Schulze (Dresden /Berlin) mit seinen Team-Kollegen, trotz der Enttäuschung mit Platz fünf bei der WM 2019, weiter das Ziel, zum dritten Mal in Folge Olympia-Gold zu gewinnen. Für die vier Deutschen dürfte die EM ein echter Härtetest werden. Mit den Niederländern, den Polen und Italien sind die drei WM-Medaillengewinner am Start. Nach den Finalrennen am Sonntag dürften nicht nur diese Vier etwas besser wissen, wo sie nach einem Jahr fast ohne Wettkampf auf dem Weg nach Tokio stehen.

Bild: picture alliance

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