Sportler des Jahres - August 2022

Starke deutsche Bike-Newcomer beim Heimspiel

Heimvorteil genutzt! Es waren vor allem die jungen Deutschen, die die vierte Auflage der Deutschland Tour nach dem Neustart 2018 rockten. Der 24-jährige Georg Zimmermann (Intermarché – Wanty – Gobert) mit Tour de France-Erfahrung schnappte sich das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers. Als Vierter der Gesamtwertung fehlten dem Augsburger - beim Sieg des britischen Routiniers Adam Yates (INEOS Grenadiers) - nur drei Sekunden aufs Podium. Damit bester Deutscher. Der zwei Jahre jüngere Jakob Geßner feierte mit seinem Kontinentalteam „Lotto Kern-Haus“ das Trikot des Bergbesten, das er nach vier Tagen auf den Schultern ins Ziel von Stuttgart trug. „Harte Teamarbeit“, wie der Erfurter betonte. Überhaupt waren es die kleinsten Teams, die der D-Tour einen besonderen Anstrich verpassten. In fast allen Ausreißergruppen befanden sich Fahrer der Drittdivisionäre und nutzten die Plattform zur Präsentation der Team-Sponsoren und die Athleten zur Empfehlung für den weiteren Schritt nach oben.

14 World Tour-Teams, zwei Pro-Continental-Mannschaften, drei Continental-Equipes und die deutsche Nationalauswahl waren vom 24. bis 28. August beim aktuell einzigen deutschen Etappenrennen für Profis auf der Strecke quer durch Deutschland. 710 Kilometer und 11.000 Höhenmeter von Weimar nach Stuttgart. Erstmals mit Prolog und mit einer Bergankunft auf den Schauinsland bei Freiburg. Kein Kindergarten. „Die Rundfahrt war krass besetzt. Aber nicht wirklich etwas für Sprinter. Vor allem auf den beiden letzten Etappen wurde richtig, richtig Radrennen gefahren“, spürte „Sprint-Anfahrer“ Alexander Krieger (Alpecin-Deceuninck) Tempo und Topographie der Runde. Enttäuschung dagegen beim Chef des deutsche First-Class-Teams BORA hansgrohe, Ralph Denk. Sein bester Mann landete auf Platz 16: Emanuel Buchmann, gerade von einem Infekt genesen. Und Vorjahressieger Nils Politt (Rang 36) bevorzugt ein eher anderes Rennterrain. Der Premium-Rennstall, beim Giro d’Italia und der Frankreich-Rundfahrt mittendrin bei den Besten, hatte alles gegeben, aber nichts abbekommen.  Tour de France-Popstar Simon Geschke, als Kapitän der Nationalmannschaft unterwegs, konnte zum Teil sturzbedingt nichts reißen. Trotz der vielen Geschke-Fans, die ihn an sämtlichen Strecken frenetisch feierten.

Es war nicht nur der Flow der European Championships in München wenige Tage zuvor – die Deutschland Tour entwickelt sich (wieder) zum sportlichen Volksfest, besucht von Fanmassen, die ihre Stars lautstark anfeuerten und zum Teil selbst als „Jedermann“ in den Sattel stiegen. Beim Finale in der schwäbischen Metropole traten 3400 Hobby-Biker in die Pedale.

Bild: Uli Hugger

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Sportgucken macht Spaß

Die Bilanz der „großen Europameisterschaften“ an der Isar fiel unisono positiv aus. Politik, Veranstalter, Besucher, Sportler, die Verbände, alle zeigten sich fasziniert von München 2022. Weil vieles funktionierte, der Himmel meist strahlte, die Sportstätten überzeugten, das Paket stimmte. Überschaubar mit neun Sportarten, kurzen Wegen, eine gelungene Kombination von Tradition und Moderne.

Wie vor 50 Jahren bei den „echten Spielen“ standen der Olympiapark und seine Sportstätten im Fokus – mehr Nachhaltigkeit geht kaum. Das faszinierte auch sonst sportkritische Zeitgenossen, denen der Gigantismus und die entsprechenden finanziellen Aufwendungen zuwider sind. Und die schnellen Läufe und schwierigen Drehungen wurden durch ein kulturelles Angebot optimiert. Das verlieh den Championships seine Strahlkraft.

Vor allem wurde deutlich: Es macht ungeheuer viel Spaß, Sport zu gucken. Sich daran zu ergötzen, mit zu klatschen. Erlebt beim Klettern oder Beachvolleyball. Unter dem Zeltdach ebenso wie entlang der Mountainbike-Strecke durch den Park, am Rande des Straßenrennens, beim Marathon oder Gehen durch die Altstadt. Sport ist geil, so das Zeugnis. München ist geil. Die Wiedergeburt als Sport-City gelang vollumfänglich. Ein junges OK-Team fand neue Ansätze, um ein Event mit Festival-Charakter auf die Beine zu stellen.

Das hat die Diskussionen um ein deutsches olympisches Abenteuer entfacht – dieses Thema wird sich nun durch die Gesellschaft ziehen wie ein roter Faden. Das ist gut so – denn wer European Championships so stemmen kann, wäre vielleicht für mehr prädestiniert. Ob das wirklich gewollt ist, bleibt abzuwarten. Denn das kompakte Format machte die neunfachen Europameisterschaften so sexy. Hingucken und mitmachen. Das traf vor Ort wie am Bildschirm (ARD und ZDF boten eine starke Rundumversorgung) zu.  

Doch ein breites Abwägen der Argumente bleibt sinnvoll. Wie es auch immer ausgeht. Fakt ist: München 2022 stärkte die Community der Befürworter von Top-Events hierzulande.    

Bild: Olympiapark München GmbH

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Starkes Signal des deutschen Sports

Das Ergebnis einer kleinen internen Umfrage am Schlusstag der European Championships nach den aktuellen Favoriten für die Wahl „Sportler des Jahres“ überraschte. Denn die Besten von München liegen vorne. Vor den Olympia-Heroes von Peking. Auch wenn das eher eine Momentaufnahme ist, sind 26 Goldmedaillen doch eine Wucht. Vor allem, weil kaum jemand mit einer solchen Ausbeute gerechnet hatte. Die Sportnation Deutschland stand in Frage, zum Beispiel durch das magere Abschneiden bei der Leichtathletik-WM.

Aber die bayerischen Games zeigten: Eine kontinentale Veranstaltung, ohne Amerikaner, Asiaten und Australier, bieten ungleich mehr Möglichkeiten, um sich am Medaillentisch zu bedienen. Und der sagenhafte Heim-Vorteil, dieser Geist, der durch die Straßen der Metropole wehte, der Hot Spot am Königsplatz, in der Olympiahalle, unter dem Zeltdach, in der Messehalle, im Park: das stachelte nicht nur an, sondern elektrisierte die Athletinnen und Athleten des Team D. Da katapultierten sich Sportler aufs Podium, die vorher nur Insidern bekannt waren oder bittere Enttäuschung erlebt hatten.

Sporthilfe-Chef Thomas Berlemann sah ein „starkes Signal“ der deutschen Mannschaft. Er meinte zum Beispiel die unglaublichen Kanuten, die bewiesen, dass das Wasser der Regatta-Strecke von Oberschleißheim, wo die Ruderer verzweifelten, sehr wohl „tragfähig“ ist. Ob der Kajak-Vierer mit seinem Nachfolger Jacob Schopf, der den TV-Experten Ronny Rauhe völlig verzückte, oder Canadier-Legende Sebastian Brendel, dessen EM-Gesamtausbeute nun bei sagenhaften 25 Medaillen liegt. Goldige Paddel-Geschichten wurden geschrieben.

In der Rudi-Sedlmayer-Halle ging der Stern des Nürtingers Dang Qui auf, der erst Tischtennis-Idol Timo Boll entzauberte und sich dann auf den Thron schmetterte. Das sind alles starke Anwärter auf die Titel der Sportjournalisten zum Jahresende. Es wird eine superenge Entscheidung, weil das Angebot seit den Championships so immens ist.

Über Frauen-Power wurde schon viel geschrieben – im Sportjahr 2022. München machte da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Ob der gelungene Abschied von Lisa Brennauer, das Tempo der Bahnsprinterinnen (Emma Hinze, Lea Sophie Friedrich mehrfach dekoriert) oder die Grazie der Leichtathletik. Gina Lückenkemper, Konstanze Klosterhalfen, die 4x100-m-Staffel verzückten das Stadion. Mehrere Teilnehmer gaben an, beim tosenden Lärm nicht einmal die Glocke für die Schlussrunde gehört zu haben. Der magische Abend mit 100-m-Gold (Lückenkemper) und Kauls Zehnkampf-Sieg wird sowieso in keiner Jahres-Chronik fehlen.

Da darf man Speerwurf-Europameister Julian Weber oder Marathon-Stürmer Richard Ringer nicht unterschlagen. Bei den Turn-Wettkämpfen sorgte Elisabeth Seitz (Gold am Stufenbarren) für Ekstase unter den 9000 Zuschauern. Der Spruch „die Halle bebte“ beschrieb die Gala da nur unzulänglich.

Der Brückenschlag von München nach Baden-Baden zur Sportler-Ehrung drängt sich massiv auf. Vergessen aber bleibt Peking kein bisschen. Und zahlreiche Sportarten wie Turnen, Radsport, Triathlon, Rudern haben ja noch „richtige“ Weltmeisterschaften vor sich. Hält der german hype da auch an?    

Bild: picture alliance

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Extra-Runde mit deutscher Fahne

Es ist als besondere Ehre gedacht für die Medaillengewinner bei den European Championships, dass sie auf einem Floß über den Olympiasee zur Siegerehrung gebracht werden. Konstanze Klosterhalfen erweckte den Eindruck, als wäre sie eine knappe Stunde nach dem bisher größten Triumph ihrer Karriere die paar Hundert Meter rund um das Olympiastadion zum Coubertinplatz lieber gelaufen. Die 25-Jährige war an diesem Abend in München kaum mehr aufzuhalten, weder im Rennen über 5000 Meter noch danach. Während die Konkurrentinnen im Ziel fast alle entkräftet zu Boden sanken, schnappte sich Klosterhalfen nach ihrem Sieg die deutsche Fahne und lief damit eine Extra-Runde, getragen vom jubelnden Publikum, und trat schließlich nicht die Spur außer Atem zu den Interviews an. „Ein Europameister-Titel ist etwas ganz Besonderes und dann auch noch vor Heim-Publikum“, sagt sie. Klosterhalfen hatte zwei Runden vor Renn-Ende die favorisierte 10.000-Meter-Europameisterin Yasemin Can aus der Türkei überlaufen und war schließlich mit großem Vorsprung im Ziel angekommen. „Es ist unbeschreiblich. Ich habe mich nicht mal getraut, an eine Medaille zu denken.“

Denn nach ihrem vierten Platz über 10.000 Meter drei Tage zuvor gab es Zweifel, ob sie tatsächlich auch über die halb so lange Distanz antreten solle, ob dafür die Kräfte nach der wegen einer Corona-Erkrankung im Juni unfreiwilligen Pause in der Vorbereitung reichen würden. Sie musste ihren Trainer fast überreden, sie starten zu lassen. Am Morgen des Rennens aber, gab sie zu, „hatte ich schon ein bisschen Bammel. Ich dachte, hoffentlich laufe ich nicht hinterher.“

Für Klosterhalfen ist die Goldmedaille von München wie ein kleiner Neubeginn nach schwierigen zwei Jahren mit Verletzungen und dem Wirbel um das mittlerweile formal aufgelöste Nike Oregon Project, dem sie seit 2019 angehörte. „Wenn man ganz oben ist, muss man auch durch die Zeit durch. Das gehört dazu“, sagte die gebürtige Bonnerin. „Ich bin denen so dankbar, die mit mir da durchgegangen sind.“ Trainer Pete Julian natürlich, aber auch ihre Familie. Klosterhalfen hatte auch noch genug Energie, sie alle an diesen goldenen Abend ausgiebig zu drücken und herzen.

Malaika Mihambo, die dreimalige „Sportlerin des Jahres“, war erneut ganz dicht dran am nächsten großen Coup – doch am Ende fehlten der Weitsprung-Weltmeisterin ganze drei Zentimeter. 7,03 m bedeuteten Silber, das die Heidelbergerin zusammen mit 30 000 Zuschauern unter dem Zeltdach ausgiebig feierte. Während die deutsche Leichtathletik, nach der WM in Oregon noch stark kritisiert, weiter lieferte. Lokalmatador Tobias Potye katapultierte sich mit einem Satz über 2,27 m im Hochsprung aufs zweithöchste Podest. Übrigens: nach einer Woche Traum-Wetter über der bayerischen Metropole beendeten kräftiger Regen und Sturm die Hochdruck-Phase. Der guten Stimmung bei diesen Games der Superlative tut dies keinen Abbruch. „Die ganze Stadt ist aus dem Häuschen“ kommentierte der Münchner Merkur. Einfach elektrisierend, dabei zu sein… 

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Größte Aufholjagd des Zehnkampfs

Als sich die Zuschauer im Münchner Olympiastadion bereits erhoben hatten und feierten, saß Niklas Kaul noch auf der Tartanbahn und wartete. Er ahnte, vielleicht wusste er es auch schon, dass ihn sein fulminanter 1500-m-Lauf zum Abschluss des Zehnkampfes doch noch ganz nach vorne, zu EM-Gold, gebracht hat. Erst als das offizielle Ergebnis verkündet wurde, schwang sich der 24-Jährige auf und schnappte sich die deutsche Fahne.  „Emotional ist dieser Titel noch viel mehr wert als der WM-Titel vor drei Jahren“ gab Kaul zu. In Doha 2019 hatte er überraschend Gold gewonnen und war anschließend zum „Sportler des Jahres“ gekürt worden. Mit dem Triumph bei den European Championships vor heimischem Publikum hievte sich der Mainzer nun erneut in den engeren Favoritenkreis für die Auszeichnung am Ende dieses Jahres. „Ich bin wahnsinnig erleichtert, dass es wieder so gut funktioniert hat.“
Für Kaul war es der mehr als versöhnliche Abschluss einer Phase mit Problemen und Enttäuschungen wie die verpassten Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen im vergangenen Jahr in Tokio und bei der WM vor ein paar Wochen in Eugene. Und auch in München lief nicht alles nach Plan. Nach dem verpatzten Diskuswerfen sei für ihn „im Kopf“ klargewesen: „Gold ist weg.“ Auch im Stabhochsprung blieb er hinter seinen Erwartungen zurück. Aber wie schon so oft hat Kaul auch dieses Mal in den letzten beiden Disziplinen noch einmal eine Show mit Höchstleistungen geboten. Nach 76,04 m im Speerwurf erlaubte er sich sogar eine viertel Stadionrunde. „Da ist mir ein ganz schöner Stein vom Herzen gefallen“, denn er hat sich damit zurückgebracht ins Gold-Rennen und vor allem habe er in dem Moment gewusst, „ich kann’s ja doch noch“. Und auf den abschließenden 1500 Metern zog er schnell an der Konkurrenz vorbei und lief ein einsames Rennen an der Spitze, getrieben vom Münchner Publikum, der Goldmedaille entgegen. „Mit sind fast die Ohren weggeflogen“, sagte Kaul angesichts der Anfeuerungen, ehe er sich wie bei den Zehnkämpfern üblich, zusammen mit allen anderen Athleten auf die Ehrenrunde im Stadionoval begab.
Einer, der ob Kauls Performance fast ausrastete, war Frank Busemann, seit Jahren kompetenter TV-Experte der ARD – und nach der WM in Eugene noch scharfer Kritiker der deutschen Leichtathletik. In seiner „Sportschau“-Kolumne würdigte er die Performance des Allrounders als „größte Aufholjagd in der Geschichte des internationalen Zehnkampfs.“ Dann überlegte sich Busemann (47), 1996 als Olympia-Zweiter selbst zum „Sportler des Jahres“ erkoren, mit welchem Synonym man diese Münchner Willensleistung beschreiben könnte. „Kaulig – für eine unglaubliche Leistung in größter Bedrängnis unter starkem Druck.“ Die „Duden“-Reaktion ist jetzt am Zug…  

 

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Schnellste Frau des Kontinents

Gina Lückenkemper sank überwältigt auf die Tartanbahn. Irgendjemand hatte ihr eine deutsche Fahne über die Schultern gelegt, als das Ergebnis des 100-Meter-Laufs verkündet worden war. Die beste deutsche Sprinterin wurde übermannt von ihren Gefühlen, Gold gewonnen zu haben, bei den European Championships vor eigenem Publikum, nun die schnellste Frau des Kontinents zu sein. Sie ist die erste deutsche Sprint-Europameisterin seit Verena Sailers Triumph 2010. „Ich kann das alles noch gar nicht fassen“, sagte Lückenkemper später, als die Freudentränen versiegt waren und sie trotz eines dicken Verbandes um das linke Bein glücklich in die Kameras lächelte.

Sie war am Ende, als sie kurz vor der Ziellinie die Brust im richtigen Moment noch ein Stück nach vorne schob – und damit um Millimeter vorbei an der schon wie die sichere Siegerin aussehenden Mujinga Kambundji aus der Schweiz, gestürzt. Ob die Wunde am Oberschenkel von diesem Unfall im Ziel kam „oder woanders“, wisse sie nicht, sagte Lückenkemper später. In der Euphorie an diesem unglaublichen Abend im Münchner Olympiastadion hatte sie die Verletzung erst ignoriert, sich schließlich aber doch behandeln lassen. Nach einem ersten Siegerinterviews und ein paar Fotos musste die 25-Jährige aus Soest sogar ins Krankenhaus, um die Wunde mit acht Stichen nähen zu lassen.

So ein Malheur lässt sich verschmerzen, zumal sie in den vergangenen Jahren schon wesentlich Schlimmeres überstanden hatte. Einige Blessuren, aber auch Kritik, wie und vor allem wo sie trainierte (USA). Nun ist sie wieder zurück in der Erfolgsspur. Bei der WM in Eugene im Juli hatte sie ihre Bestleistung und das Finale noch verpasst, später aber mit der Staffel Bronze gewonnen. Und auch dieses Mal war die Teilnahme am Endlauf in Gefahr. „Es sah nach dem Halbfinale zwischendurch so aus, als ob ich verzichten müsste.“ Der Oberschenkel, der vorsichtshalber schon getappt worden war, bereitete Probleme. Aber die DLV-Athletin biss sich durch – und erklomm vier Jahre nach ihrer EM-Silbermedaille von Berlin Europas Thron. Vielleicht ein Anlauf für die Bühne der Wahl „Sportlerin des Jahres“ im Dezember in Baden-Baden.

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München-Queen on Bike

Messe München – das war bisher sicherlich kein Synonym für sportliche Höchstleitungen. Internationale Ausstellungen ja, früher die Location des Flugplatzes der Landeshauptstadt. Doch nun gehen die Hallen von Riem in die deutsche Sportgeschichte ein. Die Damen und Herren des BDR sorgten für den üppigsten Medaillenschub der European Championships. Dank der Ausbeute auf dem temporären (wie bedauerlich) 200-m-Holzrund schob sich Team D auf Platz 1 der Nationenwertung. Hauptverantwortlich für die Rekord-Hausse: Emma Hinze (24), die aus Hildesheim stammt, in Cottbus trainiert – und die in München drei EM-Titel hamsterte.

Auch 2020 hatte die Sprinterin drei Konkurrenzen gewonnen. Ebenfalls bei einem Heimspiel, den Weltmeisterschaften im Berliner Velodrom. Teamsprint, Keirin, Sprint – dafür wurde sie am Jahresende mit Platz 3 bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“ belohnt. Weil Reisen während der Pandemie unmöglich waren, nahm sie den Pokal im Frühjahr 2021 auf der heimischen Betonbahn in der Lausitz entgegen. Jetzt katapultierte sie das Trio beim Mannschafts-Wettbewerb als Schlussfahrerin auf den höchsten Thron, triumphierte anschließend im 500-m-Rennen gegen die Uhr und komplettierte den goldenen Medaillen-Satz – trotz gesundheitlicher Probleme – in der Königsdisziplin Sprint: Jede gegen Jede. Im dritten (Entscheidungs-)Lauf schob sie ihr Bike mit letztem Einsatz über die Ziellinie.

„Damit hatte ich nicht gerechnet“, Emmas Reaktion. Bundestrainer Jan van Eijden sehr wohl. „Weil sie alles mitbringt, was eine Sprinterin braucht: Willensstärke, Ausdauer, Schnelligkeit, Biss.“ Eine Ausnahmesportlerin, die München 2022 nun in goldenen Lettern schreiben kann. Damit richtet sich der Blick natürlich nach vorne. Die EM war der Hingucker, auch der mediale Bringer – eine Stufe höher geht aber bei den Weltmeisterschaften im Oktober in der Nähe von Paris. Dann wollen die Schnellsten u.a. aus Australien und China bezwungen werden. Emma Hinze bleibt ihrer Maxime treu und verzichtet auf Prognosen. Notabene. Vor Jahresfrist kehrte sie mit WM-Gold im Team und Sprint von den Titelkämpfen nach Cottbus zurück.

Und 2022 spricht für die Hattrick-Athletin ja wohl auch nichts gegen einen Trip zur Gala „Sportler des Jahres“ am 18. Dezember nach Baden-Baden.

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München als Wohnzimmer für Team D

In München werden Träume wahr. Unglaublich viele Zuschauer, die für eine grandiose Renaissance des Olympiaparks sorgen. Erlebt beim Triathlon – oder die proppenvolle Innenstadt währen des Straßenradrennens sowie bei den Marathonläufen. Und schon morgens ein gut gefülltes Stadion unter dem legendären Zeltdach bei der Leichtathletik. Zum Wohlfühlen sind diese 9-Sportarten-Games auch für viele deutsche Teilnehmer. „Jetzt stehe ich hier und habe die Goldmedaille in der Hand“, wunderte sich Elisabeth Seitz in der Mixed Zone über sich selbst. Europameisterin am Stufenbarren, was für eine Krönung ihrer bisherigen Karriere.

„Seit 2009 bin ich im Nationalteam, so oft im Finale gestanden, um mal Bronze zu gewinnen, jedoch auch Vierte, Fünfte, Achte. Aber Erste...“ Davon habe sie immer geträumt, aber nicht geglaubt, dass es wahr werden könnte. Der durch Verletzungen in die Länge gezogene Wettkampf vermochte die 28-jährige Stuttgarterin nicht aus der Ruhe zu bringen. „Und dann ging alles so schnell. Aber ich hatte schon vorher gemerkt, dass ich auf meinem höchsten Fitness-Level bin.“ Als Appetizer hatte es Bronze mit dem Team gegeben, auch historisch und so beeindruckend wie die Stimmung in der mit 9000 Zuschauern ausverkauften Olympiahalle.

Dass die 18-jährige Chemnitzerin Emma Malewski am Schwebebalken triumphierte kam noch unerwarteter – und krönte einen EC-Tag an der Isar. München meldet sich mit den Championships als Giga-Sportstadt zurück. „Sappradi“ hätte Harry Valerien gesagt. Es „läuft“ heißt das heute. Und das buchstäblich beim Bahnradsport. Das provisorische 200-m-Rund, aufgebaut in Halle C der Messe, Medaillen-Eldorado des BDR. Im Team noch zusammengespannt, duellierten sich Mieke Kröger und Lisa Brennauer im Finale der 3000-m-Verfolgung. Überraschend sorgte diesmal der Endspurt der 29-Jährigen aus Bielefeld für die Entscheidung, während Brennauer ihre Karriere „definitiv“ mit Silber beendete.

Bei den Herren sorgte der 20-jährige Nicolas Heinrich, gerade erst zum U23-Europameister aufgestiegen, für eine Sensation: Sieger nach hartem 4-km-Rundendrehen. Eher erwartet dagegen Gold für Emma Hinze im 500-m-Zeitfahren. Mit deutschem Rekord, die Cottbuserin ist die schnellste Frau draußen in Riem, dem ehemaligen Flugplatzgelände. Auf dem Holzoval setzte sich der Podiums-Reigen im Ausscheidungsfahren und Scratch fort. Rund um den Olympiaberg präsentierten sich die deutschen Triathleten (Mannschaft) stark, an der Kletterwand am Königsplatz jubelten tausende Fans über vertikale Künste und weiteres Edelmetall. Und dann rasteten die Fans am Odeonsplatz restlos aus, als Marathonläufer Richard Ringer (33) mit einem phänomenalen Zielsprint für den nächsten Coup sorgte. Einen „magic moment“ nannte Katrin Müller-Hohenstein (ZDF) diesen Husarenritt. Ja, das Team D nutzt seinen Heimvorteil. Eine Art Sommermärchen mit zig Highlights und viele der München-Champions werden wir im Dezember bei der Gala „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden wiedersehen. Die Referenzen überzeugen allemal.

Logisch jedoch, dass Ausreißer nach hinten vorkommen. Vielleicht sorgen die Enttäuschungen auf der guten alten Regatta-Strecke (u.a. Achter und Oliver Zeidler), dass Oberschleißheim künftig für den Ruder-Nachwuchs ein Update erfährt. Fact auch, dass sich die Briten, Italiener, Niederländer hier ebenso wohlfühlen. Wir gewinnen ohnehin den Eindruck, dass die Haupt-Kommunikation zwischen Marienplatz und Viktualienmarkt in Englisch und Italienisch verläuft. Weltmännisches Munich/Monaco.      

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Mihambo: Nächstes Ausrufezeichen

Malaika Mihambo hatte die Vorbereitung auf die European Championships in München eigentlich ein bisschen anders geplant. Die frisch gebackene Weitsprung-Weltmeisterin wollte nach ihrem Gold-Triumph von Eugene im Juli zunächst regenerieren, um dann noch eine „kurze und intensive Trainingsphase“ einzulegen. Aber dann brachte eine Corona-Erkrankung das Programm durcheinander. Fünf Tage war die 28 Jahre alte Olympiasiegerin aus Heidelberg richtig krank, insgesamt acht Tage lang positiv – und erst ein paar Tage vor dem Beginn der Leichtathletik-Wettkämpfe fiel die Entscheidung, in München zu starten. Einen guten Sprung traut sich die dreimalige Sportlerin des Jahres trotz des reduzierten Trainingsumfangs zu.

Wie schätzen Sie Ihre Leistungsfähigkeit nach Ihrer Corona-Erkrankung ein?
Mir geht es ganz in Ordnung, ich merke aber schon, dass ich krank war und werde schneller müde nach dem Training. Das Gefühl von Unsicherheit über das eigene Leistungsvermögen bleibt. Man startet aus der kalten Hose heraus. Trotzdem kann ich noch über sieben Meter springen. Ich traue mir zu, einen guten Sprung machen zu können.

Welchen Stellenwert haben die European Championships vor eigenem Publikum für Sie?
Die Vorfreude auf die EM in München in diesem geschichtsträchtigen Stadion 50 Jahre nach den Olympischen Spielen ist besonders groß. Als Athlet erfährt man eine ganz andere Unterstützung durch das heimische Publikum. Keiner ist mehr Feuer und Flamme für einen Athleten als das heimische Publikum. Genau das spürt man als Sportler. Das durfte ich schon zwei Mal erleben: bei der Team-EM in Braunschweig 2014 und bei der EM in Berlin 2018.

Sie haben nach Gold in Eugene gesagt, es sei immer ein bisschen Drama bei Ihren Wettkämpfen dabei. Pusht Sie das oder hätten Sie auch gerne einmal ein Großereignis, bei dem Sie ohne Drama gewinnen?
(lacht) Das wäre eine völlig neue Erfahrung, die ich gerne machen würde. Aber ich mache das nicht absichtlich. Mein Ziel ist es eigentlich immer, durch einen guten ersten Sprung ein Ausrufezeichen zu setzen, dass die Konkurrentinnen so beeindruckt sind, dass sie keine Antwort mehr darauf haben. Das macht es für mich deutlich einfacher, die nachfolgenden Sprünge auszureizen, weil ich dann noch fünf Versuche habe, um mit den Bedingungen und der Anlage klarzukommen. Diesmal war es etwas leichter als in Tokio oder Doha. Ich habe mein Selbstvertrauen gespürt. Die letzte Sicherheit hatte ich erst beim letzten Sprung, als ich gewonnen hatte. Den Sprung habe ich gut getroffen, aber die Landung war nicht optimal. Da habe ich einiges verschenkt. Grundsätzlich will ich immer meinen bestmöglichen Wettkampf bestreiten, egal was das für eine Meisterschaft ist. Das ist mein persönliches Bestreben.

 

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Mannschaft des Jahres „vergoldet“

So spannend hatten sich die deutschen Verfolgerinnen ihr Finale nicht vorgestellt. Zur ‚Halbzeit’ noch über eine Sekunde zurück, holte die „Mannschaft des Jahres“ 2021 auf den letzten zwei Runden die EM-Goldmedaille. Getragen vom Jubel der Zuschauer (Halle ausverkauft signalisierten die Plakate), blieb Lisa Brennauer, Mieke Kröger, Franziska Brauße und Lisa Klein gar nichts anderes übrig, als das absolute Maximum herauszuholen. 4:10, Minuten die Siegerzeit, die Italienerinnen mussten sich um 7/10-Sekunden geschlagen geben.

Noch völlig groggy strahlten die Goldkinder in die TV-Kameras und erklärten das Phänomen. Franziska Brauße nennt „die Mischung aus Ernst und Spaß“ als Geheimnis. „Wir am haben Vormittag noch viel gelacht und waren am Nachmittag hoch konzentriert.“ Lisa Brennauer nannte die „Wahnsinns-Atmosphäre“ rund um die 200-m-Bahn mit als Grund. „Wir wurden sooo angefeuert.“ Mieke Kröger: „Ich bin gefahren bis ich nicht mehr konnte.“ Lisa Klein ergänzte: „Italien war stark, aber es hat gereicht.“

Der einzigartige Siegeszug des Pursuit-Quartetts vom anderen Stern ging bei den European Championships in die nächste Runde. Die Goldplaketten überreichte Günter Schumacher, Mitglied der siegreichen Olympia-Mannschaft, die anschließend als „Gold-Vierer“ 1972 ebenfalls zur Top-Formation von den Sportjournalisten gewählt wurde. Aber inzwischen haben die deutschen Bahn-Mädels die Hosen an. Und wie geht der Weg der Vier weiter? Lisa Brennauer beendet nach den kräftigen Pedaltritten von München ihre sagenhafte Karriere. Aber vorher steht die nächste Wahl zur „Mannschaft des Jahres“ an... Bislang wähnten viele die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft auf der Pole-Position – in einem Jahr starker deutscher Sport-Ladies.

Die Bestätigung lieferte am frühen Abend auch das Sprint-Terzett. Favorisiert zwar, aber dennoch nicht im Handumdrehen kurvten Emma Hinze, Lea Sophie Friedrich und Pauline Grabosch zum Sieg bei den ganz schnellen Runden. In 38,061 war der Titel gesichert. „Optimal“ sei es gelaufen – obwohl die Niederländerinnen mächtig dagegenhielten. Und dann bat BDR-Pressesprecherin Christina Kapp die sieben goldigen Damen noch zum gemeinsamen Bild in die Mixed Zone. Vielleicht ein fast euphorischer Schnappschuss der Games an der Isar.

Auch eine gute EM-Idee in Sachen Nachhaltigkeit bei den Siegerehrungen: Statt Blumensträußchen bekommen die Medaillengewinner Blumentöpfchen überreicht. Die Pflanzen können sie entweder mit nach Hause nehmen und in Garten oder Balkon einbuddeln, oder in München lassen, wo sie im Olympiapark eingepflanzt werden.

 

 

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