Wie meistens hatte sie – vorher – gelästert, die No-Olympics-Fraktion: Die Mittelmeer-Nation Italien würde keine richtigen Winterspiele hinkriegen. Höchstens mit extrem weit verzweigten Sportstätten – und die Bobbahn könne niemals rechtzeitig fertig werden. Nach der olympischen Halbzeit von Milano Cortina 2026 steht fest: fast alles palleti hier. Vor allem aber beschenken sich die Gastgeber mit einer Wucht an Medaillen. Nur das klassische Eiskalt-Land Norwegen sammelte mehr Gold. Die Zeitung La Repubblica preist „Italiens Gespür für Schnee“. La Gazzetta dello Sport, sonst restlos dem Calcio verschrieben, feiert auf den traditionell rosa Seiten die schneeweißen Siege von Grün-Weiß-Rot. Und vor allem die Frauen: Francesca (Lollobrigida), Federica (Brignone), Lisa (Vittozzi) seien Königinnen.
Andere Nationen blicken etwas neidisch auf die azurblaue Herrlichkeit, die ihr bisheriges Top-Ergebnis von Lillehammer 1994 (20 Medaillen) längst weit übertroffen hat. Etwa richtige Vielfrier-Länder wie Kanada oder Finnland. Aber auch Deutschland, das bei Winterspielen stets üppig abräumte. Nordische Kombination, Skispringen, Biathlon, Bob & Rodeln sowieso galten als Domänen für Schwarz-Rot-Gold. Das ändert sich aktuell, denn nur in der Eisrinne dominiert das Team D. Die Schlitten – ob rückseitig oder bäuchlings belegt – und die ratternden Kufen-Porsches sorgen für die Höchstgeschwindigkeiten auf dem Kunsteis von Cortina. Allemal sehr beindruckend. Das Problem mangelnder Erfolg mit den Ski jedoch sorgt für Sorgenfalten bei Verbands-Oberen.
Legenden früherer Zeiten hießen Rosi Mittermaier, Maria und Irene Epple, Christa Kinshofer, Katja Seizinger, Felix Neureuther, Maria Höfl-Riesch (Ski alpin), Magdalena Neuner, Michael Greis (Biathlon), Sven Hannawald (Skispringen). Das waren Vorbilder, denen Ski-Pimpfe nacheifern wollten – auch wenn es in den Alpen und Mittelgebirgen wie Schwarzwald, Thüringer Wald, Erzgebirge, Harz, Schwäbische Alb oder im Allgäu zunehmend weniger weiß rieselt.
Die aktuellen Wintersport-Helden, das unterstreicht auch MilanoCortina 26, sind rarer geworden. Vielleicht auch mit ein Grund für gescheiterte Bewerbungen für Olympische Winterspiele. Die könnten, Klimawandel, Nachhaltigkeit, Umweltschutz hin oder her, vielleicht eine Gegenbewegung einleiten. „Rauf auf die Ski“ wäre ein schönes Motto – wenn es neue Lichtgestalten gibt, die im Winter beispielhafte Erfolge erzielten.
Zurück nach Italien, nach Turin (2006) zum zweiten Mal in diesem Vierteljahrhundert Ausrichter der ‚Olimpiadi Invernali‘. Ein großes Glück für das neue Winter-Eldorado, dass das weiße Gold derzeit so häufig wie selten fällt. Höchstgemessene Schneemengen werden aktuell aus dem Aosta-Tal gemeldet. In den Ablegern der Olympia-Metropole Cortina, ob in Bormio, Livigno oder dem Antholzer Tal das gleiche Bild: Winter-Landschaften wie aus dem Bilderbuch. Für die Olympia-Macher in Norditalien eine Zusatz-PR, die TV-Bilder aus den tiefverschneiten Tälern machen Lust auf Schnee & Eis-Events. Während fast alle Kritiker am Wintersport-Großereignis verstummt sind. Nicht nur weil Francesca, Federica oder Lisa unter dem Helm so zauberhaft lächeln.
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