Florian Lipowitz erkennt bei der Tour die Stärke seines Teamkollegen Remco Evenepoel an. Das bedeutet für den Laichinger, in erster Linie seine Kräfte für die Verteidigung des 2. Gesamtrangs des Belgiers (nach dem Ausfall von Vingegaard) einsetzen zu wollen, und erst in zweiter Linie einen eigenen Podiumsplatz anzustreben.
Am zweiten Ruhetag der Tour war zu spüren, dass Lipowitz die vorherige Bergetappe hoch zum Plateau de Solaison mental wie physisch zugesetzt hatte. „Wir waren natürlich superglücklich, dass Remco eine so starke Leistung hin gelegt und den Tagessieg geholt hat. Das ganze Team hat sich gefreut und es wusste auch jeder, wie gut er in Form war“, würdigte er noch einmal den Tagessieg seines Teamkollegen. Für die eigene Leistung fand er nicht die ganz großen Worte, und das zu Recht. Er kam eine knappe Minute hinter Evenepoel, Pogacar und dessen Teamkollegen Isaac Del Toro ins Ziel. „Ich glaube, ich habe am meisten gelitten von allen“, bezog er sich auf die kleine Gruppe der Podiumskandidaten. Und er gab auch freimütig zu, dass der Ergebnisbogen eine ganz eindeutige Sprache spricht. „Es war der erste richtige Test, auch bei den langen Bergen. Und ich glaube, da hat man deutlich gesehen, dass bei mir auf jeden Fall die Beine nicht ganz gereicht haben, um da vorne mitzufahren“, konstatierte er. Lipowitz wurde Tagesfünfter, liegt vor dem Zeitfahren auch auf diesem Gesamtrang und ist selbst nicht der allerbeste Zeitfahrer. „Ich glaube, wenn man jetzt die Ergebnisse anschaut und auch die Performance von der 15. Etappe und das Zeitfahren, das kommt, dann hat Remco natürlich die Priorität“, legte er sich mit Blick auf die dritte Woche erstaunlich deutlich fest. Und er versprach: „Am Ende werde ich versuchen, so lange wie möglich mit Remco mitfahren zu können, ihn zu unterstützen.“ Das mag die deutsche Radsportöffentlichkeit enttäuschen, dass Lipowitz jetzt nicht mehr Rechte einfordert. Aber seine Haltung ist von Realismus geprägt. Und im Team wird man es mit Genugtuung registrieren, dass er die Teamziele über die individuellen Ambitionen stellt.
Ganz aufgegeben hat er einen Podiumsplatz für sich selbst natürlich auch nicht. Es mag Tage geben, an denen er sich besser fühlt als Evenepoel. Dann könnte er doch noch einen Freifahrtschein erhalten. „Ich glaube, das entscheiden die Etappen und vor allem die Beine“, blickte er auf ein solches Szenario voraus. Fest angestrichen hat sich auf alle Fälle die Etappen 19 und 20, wenn es zwei Mal hintereinander nach l’Alpe-d’Huez geht. Auf diese Tage freut er sich doppelt, verriet er. „Es sind Etappen, die mir vom Profil her liegen. Und es werden wahrscheinlich wie ähnlich am Markstein super viele Fans da sein und die Stimmung wird grandios sein. Deshalb freue ich mich explizit auf Freitag und Samstag.“
Es bleibt also noch eine leise Hoffnung für einen zweiten Podiumsplatz bei der Tour nach der grandiosen Performance letztes Jahr.
Worauf sich Lipowitz ebenfalls freut, ist ein Grand Depart der Tour in Deutschland. Der zeichnet sich immer stärker für das Jahr 2029 ab. „Für einen deutschen Fahrer wäre es natürlich ein mega Erlebnis. Bei der Etappe am Samstag in den Vogesen hat man ja gesehen, wie begeistert die deutschen Fans sind. Jeder, mit ich im Peloton geredet habe, war beeindruckt von der Menschenmenge. Und ich glaube, für die Tour wäre es nur eine Bereicherung, wenn der Start in Deutschland passieren würde.“ Starke Leistungen von deutschen Fahrern machen sich da gut als Extrapunkte im Bewerbungsverfahren.
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