Nordische WM für Party-Crasher

Nordische WM für Party-Crasher

Nordische WM für Party-Crasher

Horst Hüttel, der Sportdirektor für Skisprung und Nordische Kombination im Deutschen Skiverband, muss bei weitem nicht so viel Ausrüstung mit nach Trondheim nehmen wie viele seiner Athletinnen und Athleten. Und doch hat der 56-jährige Oberfranke, der früher selbst aktiver Kombinierer war und es 1989 zum deutschen Mannschaftsmeister brachte, vermutlich mit die größte Last im deutschen Trainer- und Funktionärsteam zu tragen, wenn vom 26. Februar bis 9. März bei der WM in Norwegen um Medaillen gekämpft wird.

Der Erfolgsdruck ist groß. „Weniger Medaillen, weniger Fördermittel“, weiß Hüttel um die Bedeutung dieses nordischen Großereignisses. Den dritten Platz von vor zwei Jahren im Medaillenspiegel von Planica (Slowenien) zu verteidigen, werde extrem schwer. Allein die drei Goldplaketten von Skispringerin Katharina Schmid (damals noch Althaus), die im Tal der Schanzen keine Sternstunden, sondern Sterntage erlebte, seien nicht auf Knopfdruck zu wiederholen. Dennoch sagt Hüttel: „Bei Frauen wie Männern, im Skisprung und in der nordischen Kombination wollen wir in jedem Wettbewerb um die Medaillen mitkämpfen.“  Das gelte aber nicht für die Langläuferinnen und Langläufer, für die Cheftrainer Peter Schlickenrieder ohnehin schon vor der Abreise nach Norwegen tiefstapelte, als er sagte: „Mit Top-Ten-Plätzen müssen wir zufrieden sein. Die Konkurrenz ist uns ein bisschen enteilt.“ Lediglich in den Staffeln müsste alles perfekt laufen – und die anderen Nationen patzen, um aufs Podest zu kommen, so Schlickenrieder.

Den Anschluss verpasst haben zuletzt die Spezialspringer. Andreas Wellinger, Karl Geiger und Pius Paschke schwächeln, haben bei einem Sondertraining am Stützpunkt Oberstdorf noch einmal alles auf Null gestellt, um in Norwegen wieder zu Höhenflügen anzusetzen. Trotz aller Kritik, die nach den historisch schlechten Weltcup-Ergebnissen aufkam, schenken Hüttel und der DSV ihrem Bundestrainer Stefan Horngacher das Vertrauen. „Wir sehen, dass er gut arbeitet und bei unseren Top-Athleten nicht viel fehlt. Wer weiß, vielleicht geht in Trondheim der Knoten auf“, übt sich Hüttel in Zweckoptimismus. Gleichwohl weiß er:  Wenn nach der Vierschanzentournee auch beim Winter-Highlight nichts Zählbares für die DSV-Adler rausspringt, geht die Trainer-Diskussion in eine neue Runde.

Wie gut, dass die Frauen um ihren neuen Trainer Heinz Kuttin gleich mit drei Athletinnen um die Medaillen mitkämpfen kann. „Selina Freitag ist derzeit die Beständigste, Katharina Schmid darf man nie abschreiben bei Großereignissen und mit Agnes Reisch haben wir eine WM-Debütantin in unseren Reihen, der ich ganz viel zutraue“, sagt Kuttin. Es müsste, da sind sich alle einig, mit dem Teufel zugehen, würde im Team-Wettbewerb der Frauen keine Medaille aufs Konto des DSV gehen.

Die größten Hoffnungen liegen einmal mehr auf der Nordischen Kombination. Natalie Armbruster (19) bei den Frauen und Vinzenz Geiger (27) bei den Männern gehen aufgrund der Vorleistungen (beide gewannen das Seefeld-Triple) sogar als Mitfavoriten in die WM-Einzelwettkämpfe. Im Mixed und in den Team-Wettbewerben stehen die Aussichten ebenso glänzend. Die Bundestrainer Florian Aichinger und Eric Frenzel machen keinen Hehl daraus, mit ihren Schützlingen vor begeisterten Wikinger-Fans am liebsten in die Rolle der Party-Crasher zu schlüpfen.  

Ach ja, Horst Hüttel kämpft am Rande der WM in Trondheim noch an zwei weiteren Fronten: Mit IOC-Vertretern will er sich für das olympische Überleben der Nordischen Kombination ins Zeug legen und Gleichberechtigung beim Frauen-Skispringen vorantreiben. Über die Duschgel-Farce bei der Two-Nights-Tour und die Pläne für eine gemeinsame Vierschanzentournee werde im hohen Norden sicher heiß diskutiert. Stapelweise Unterlagen dazu hat Hüttel im Gepäck. Vor Ort muss er jetzt nur noch gewichtige Argumente in die Waagschale werfen.

Bild: picture alliance

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