Nordische WM mit Schatten und DSV-Gold

Nordische WM mit Schatten und DSV-Gold

Nordische WM mit Schatten und DSV-Gold

Kein Strahlen, keine Freude, stattdessen Nachdenklichkeit. Das Social-Media-Video, das  Skispringer Andreas Wellinger noch vom Flughafen in Trondheim absendete, war bezeichnend für die Stimmungslage im gesamten deutschen Team. Dieser Nordischen Ski-Weltmeisterschaft, die sich damit rühmen wollte, Zuschauer- und Stimmungsrekorde zu knacken, haftete am Ende ein Makel an. „Summa summarum“, sagte Wellinger etwas gekniffen, „sei viel aufgegangen.“ Er habe auf der Normalschanze mit Silber eine Medaille gewonnen, mit der so nicht zu rechnen gewesen sei.“ Die Titelkämpfe hätten aber einen faden Beigeschmack. Die Manipulationen, die am Schlusswochenende im norwegischen Skisprung-Lager öffentlich wurden, seien gar nicht gut „für unsere Sportart“. Und Wellinger stellte die Frage, ob in der Vorwoche eigentlich alles mit rechten Dingen zugegangen sei: „Was wäre denn bei den anderen Wettkämpfen gewesen, bei denen wir als Team oder ich sehr nahe dran waren an einem Titel?“

All die Ergebnislisten und all die herausragenden Leistungen der Sportlerinnen und Sportler hatten mit einem Mal an Wert verloren. Den Generalverdacht, dass beim Skispringen auf Teufel komm raus Weitenmeter geschunden werden müssen und dafür getrickst, geschummelt und betrogen wird, wurden sie nicht mehr los, weder die Funktionäre des Internationalen Skiverbandes noch die Trainer und Sportlichen Leiter der führenden Skisprung-Nationen. Die Aufarbeitung wird lange dauern, vermutlich werden viele Fragen offenbleiben. Und Trondheim wird sich mit dem Anzugsbetrug der norwegischen Spezialspringer in die zweifelhafte Liste der WM-Gastgeber einreihen, die Sport-Skandale verursachten. Wie 2001 die systematisch gedopten Finnen in Lahti oder 2019 die Österreicher in Seefeld mit der Operation Aderlass, bei der Blutdoping angewendet wurde. Nur, dass diesmal keine Spritzen zur Anwendung kamen, sondern Nähmaschinen, Faden und mit Stoffbändern verstärkte Nähte. Sportgerichte werden vermutlich erstmals Fälle von Material-Doping behandeln müssen. Und DSV-Sportdirektor Horst Hüttel stellte fest: „Es ist ein schwarzer Tag fürs Skispringen, aber hauptsächlich ein schwarzer Tag für Norwegen.“

Dabei ließ niemand außer Acht, dass diese Weltmeisterschaft auch viele Glanzlichter produzierte. Aus deutscher Sicht stach die einzige Goldmedaille heraus, die die Nordischen Kombinierer in der Staffel erkämpften – allerdings unter gütiger Mithilfe der Norweger, die wegen einer Disqualifikation von Jörgen Graabak beim Springen mit 1:42 Minuten Rückstand aussichtslos in die Loipe gegangen waren. Dem Gold-Jubel der vier Oberstdorfer Vinzenz Geiger, Julian Schmid, Johannes Rydzek und Wendelin Thannheimer tat dies keinen Abbruch. Und Eric Frenzel feierte als Bundestrainer seinen ersten großen Erfolg. Vinzenz Geiger wurde mit insgesamt vier Medaillen (1/1/2) hinter Langlauf-Ass Johannes Hosflot Klaebo (6/0/0) und seinem Kombi-Widersacher Jarl Magnus Riiber (3/0/1) der dritterfolgreichste WM-Medaillensammler – und damit sicher ein heißer Kandidat für die Nominierungsliste für den „Sportler des Jahres“ 2025. Im Jahr 2022 war er schon Zweiter bei der Wahl.

Drei Medaillen (zweimal Einzel-Silber und Bronze im Team) gewann Skispringerin Selina Freitag und läutete damit einen Generationswechsel ein. Die dreimalige Titelverteidigerin von Planica 2023, Katharina Schmid (früher Althaus), musste ihrer fünf Jahre jüngeren Kollegin am Stützpunkt Oberstdorf den Vortritt lassen und sich mit Mannschafts-Bronze zufriedengeben. Schmid dachte bereits in Trondheim über ihr Karriereende nach.

Edelmetall holten für den DSV außerdem: die Frauen-Langlaufstaffel mit Pia Fink, Katharina Hennig, Helen Hofmann und Victoria Carl, das Mixed-Team der Kombinierer mit Jenny Nowak, Nathalie Armbruster, Julian Schmid und Vinzenz Geiger, (alle Silber) die Skispringerinnen Juliane Seyfarth, Katharina Schmid, Agnes Reisch und Selina Freitag in der Teamwertung sowie die Para-Langläufer Anja Wicker und Leonie Walter (jeweils Bronze). Im Medaillenspiegel landete Deutschland mit elf Plaketten (1/4/6) auf Rang vier – hinter Norwegen (14/11/8), Schweden (7/1/4) und Slowenien (4/1/0).

Was bleibt noch von der WM in Trondheim – außer dem Anzugskandal?  Das wechselvolle Wetter mit jeder Menge Regen und die sagenhafte Begeisterung der Zuschauermassen im Stadion und in den Wäldern rund um das Granasen Skisenter. Die Organisatoren sprachen von 500.000 Fans. Ob der außergewöhnlichen Atmosphäre schwärmte Skilangläufer Friedrich Moch: „Krass. Das werde ich in meinem Leben nicht vergessen.“

Bild: picture alliance

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