Olli Zeidler: Savoir-vivre im Hörsaal

Olli Zeidler: Savoir-vivre im Hörsaal

Oliver Zeidler Gewinner des Titels Sportler des Jahres 2024
Olli Zeidler: Savoir-vivre im Hörsaal

Die Frage kann man schon stellen. Ist der „Sportler des Jahres“ irgendwie abgetaucht, ausgewandert, lost…? Alles stimmt ein bisschen, doch bei den Ruder-Weltmeisterschaften (ab 21. September) wird der 2,03-m-Hüne wieder nicht zu übersehen sein:  im Einer in Shanghai. Über seine Form und Aussichten – dazu später in diesem Beitrag über den Olympiasieger von Paris, Oliver Zeidler (28).

„Ich habe mich für das Studium entschieden“, ohne den Sport restlos zu vernachlässigen. Business Administration lautet das Fach, ausgesprochen anspruchsvoll, weil in einem Jahr durchgepeitscht wird, wofür an amerikanischen Universitäten zwei Jahre veranschlagt sind. Also beginnt der Tag um 5.30 Uhr im Örtchen Epalinges, oberhalb von Lausanne. Mit dem Rad runter ans Ufer: Eineinhalb Stunden Training auf dem Genfer See oder auf dem Ergometer. Mehr nicht. „Um 8.30 Uhr gilt es pünktlich an der Uni zu sein. Swiss timing eben, wie Schulpflicht. Bei Verspätung droht Punktanzug, das Programm ist rigoros.“

Bis 16.30 Uhr diktiert der „Stundenplan“ den Tag, unterbrochen nur vom Essen auf dem Campus. Gefolgt von Nacharbeiten, Projektbetreuung, „auch an Wochenenden.“ Summa summarum 80 Stunden pro Woche. Aber Zeidler gilt nicht nur als Master des Zeitmanagements, sondern hochkonzentriert auch im „Klassenzimmer“. Sein erstes Masterstudium hatte der 3-fache Weltmeister 2021 abgeschlossen, jetzt soll am 12. Dezember die nächste Graduation fällig sein.

Ein, zweimal pro Monat hält der Studiosus noch Vorträge zu diversen Themen (Motivationssteigerung, Mitarbeiterführung, Sport & Business, Umgang mit Stress…) , bei denen er Erfahrungen aus dem Sport einfließen lässt. „Dann versuche ich auf das Publikum einzugehen“, Blaupausen hat er nicht auf dem Rechner. Oliver will den Menschen etwas vermitteln.

Und das Rudern? Keine Weltcups, keine EM – aber nun doch die Titelkämpfe in Asien. Dreimal reiste Papa und Trainer Heino für „technische Inputs im Boot“ nach Lausanne. Während der Semesterferien verabschiedete sich der Champion immer von Donnerstag bis Sonntag von seiner Partnerin: für intensive Einheiten auf der Münchner Regattastecke. Ob das reicht? Im Rahmen des Möglichen wäre vorstellbar, dass der Beste das WM-Podium verpasst. Kann passieren. „Aber ich bin niemand, der sich versteckt, ich liebe den Kampf.“ Wie stark die Konkurrenz ist, wo er leistungsmäßig steht, darum ranken sich noch Fragezeichen. Ach ja – und das so intensive Studium? „Ich verpasse nichts“, auch eine Sondergenehmigung war nicht erforderlich.

Vorletzte Frage: Der Kanton Waadt bietet landschaftliche wie gastronomische Superlative für ein „savoir-vivre“. Der „Sportler des Jahres“ von 2024 sagt, er habe Lausanne „lieben gelernt. In der Olympia-Stadt zu leben, das ist Motivation, überall die fünf Ringe. Und dann direkt am IOC vorbeirudern.“ Ab 2026 will der Masters-Absolvent wieder richtig ranklotzen. „Es gibt noch viele Regatten zu gewinnen, um mich endgültig in die Geschichtsbücher einzutragen.“ Bis zum final countdown 2028 in LA.

Und die letzte: Der nur im ein paar Zentimeter kleinere Nick Woltemade wechselte für 85 Millionen Euro nach England – Weltklasse-Ruderer sind im Vergleich dazu arme Schlucker. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Der Volkssport Fußball hat den Gigantismus in einer anderen Liga erreicht.“        

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