Es ist fast schon ein bisschen skurril, dass die Nordische Kombination ausgerechnet am Tiefpunkt ihres bisherigen Daseins nicht nur in Deutschland, sondern rund um den Globus die Schlagzeilen bekam, die ihr sonst so schmerzlich fehlten. Mag die Zahl Sieben historisch und mythologisch noch so sehr für Vollkommenheit, Fülle und Weisheit stehen: Dieser 7.7.2026, als das Internationale Olympische Komitee in Lausanne verkündete, dass die NoKo für die Winterspiele 2030 aus dem Programm falle, war ein schwarzer Tag für eine Disziplin, die in Deutschland über viele Jahrzehnte hinweg Helden und – seit wenigen Jahren auch – Heldinnen geschaffen hatte.
Deutsche Kombinierer waren bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften immer auch Dominierer. Das Publikum hierzulande schloss diese Sportart so sehr in sein Herz, weil es die Feinfühligkeit des Skispringens mit der Ausdauer und Kraft des Langlaufens verbindet. Eine Mixtur, die der NoKo das Prädikat „Königsdisziplin des Wintersports“ einbrachte.
Und die Könige bestiegen immer wieder mal auch den Thron bei den Wahlen zum „Sportler und zur Mannschaft des Jahres“ (siehe Info-Kasten unten)
Nun also der olympische Knock-out für die NoKo, die über 100 Jahre fester Bestandteil der Winterspiele war und dem Deutschen Skiverband zwölf Olympia-Siege und 27 olympische Medaillen einbrachten. Die Reaktionen waren emotional und laut – und hallten lange nach. Die vom IOC kurzerhand in Auftrag gegebene Attraktivitätsstudie, wonach die NoKo bei allen Winterspielen seit 2014 in Sotschi die unbeliebteste aller Sportarten gewesen sei, sorgte für Entrüstung. Männer-Bundestrainer Eric Frenzel schimpfte: „Hoffentlich hat das IOC die Größe, uns diese Zahlen vorzulegen. Momentan fällt es schwer, das zu glauben.“ Und Nathalie Armbruster, die so sehr für eine Aufnahme der NoKo-Frauen ins Olympia-Programm gekämpft hatte, zog gegen das IOC vom Leder und sprach vom Verrat der eigenen olympischen und sportlichen Werte, und dass es eh nur noch ums Geld gehe.
Auch wenn an den Weltcups und Weltmeisterschaften festgehalten werden soll, befürchten zahlreiche Insider, die NoKo könnte vor dem Totalabsturz stehen. Denn ohne Olympia fehlt nicht nur dem Nachwuchs die sportliche Perspektive, ohne Fördergelder sind auf Dauer auch Sportstätten und Trainer nicht zu finanzieren. „Das kann schnell gehen“, glaubt Team-Olympiasieger Thomas Müller, der seit 34 Jahren als Landestrainer am Stützpunkt Oberstdorf arbeitet und sowohl Vinzenz Geiger (2022 Zweiter der Sportler-Wahl), den vielleicht letzten deutschen Olympiasieger, trainierte als auch dessen Staffel-Kameraden Johannes Rydzek, Julian Schmid und Wendelin Thannheimer, die als reine Oberstdorfer Staffel WM-Gold in Trondheim holten. Das Prädikat „einzigartig“ hat für diesen Erfolg seit dem 7.7. eine ganz neue, bittere Bedeutung.
Gut kombiniert: die NoKo beim Sportler des Jahres
2017 Johannes Rydzek (Oberstdorf) für Vierfach-Triumph bei WM in Lahti
1960 Georg Thoma (Hinterzarten) für Olympia-Gold in Squaw Valley
1968 Franz Keller (Nesselwang) für Olympia-Gold in Grenoble (im Bild oben bei seiner Ehrung in Baden-Baden)
2005 Ronny Ackermann (Bad Salzungen) für Doppelerfolg bei Heim-WM in Oberstdorf
2015 Mannschaft des Jahres mit Fabian Rießle, Eric Frenzel, Johannes Rydzek und Tino Edelmann für Team-Gold bei der WM in Falun