Der Zeitpunkt war perfekt. Gerade verdunkelte der Mond die Sonne über Paris, als Johannes Liebmann im Centre Aquatique Olympique Schwimmgeschichte schrieb. Der Abiturient kraulte im EM-Becken allen davon, knackte seinen eigenen Europarekord und krönte sich zum ersten deutschen Europameister über 800 m Lagen. Pünktlich zur Sonnenfinsternis in der französischen Hauptstadt strahlte ein neuer Stern.
„Ich habe mit der Goldmedaille geliebäugelt, jetzt bin ich umso glücklicher, dass ich sie habe“, sagte der 19-Jährige, der am dritten Tag der Beckenrennen den ersten deutschen Titel holte – so schnell wie kein Europäer zuvor in 7:37,59 Minuten. „Es ist unglaublich, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.“
Die erklärenden Worte fand Sven Schwarz, den Liebmann nach 500 m abgehängt hatte. „Wir wussten alle, dass er schwimmen kann…“, sagte der zweimalige Vizeweltmeister der WM im vergangenen Jahr. „Dass er jetzt diesen Sprung gemacht hat, freut mich natürlich für ihn“, ergänzte Schwarz, der sich wieder mit Silber begnügen musste, „wir müssen jetzt alle hart arbeiten, um wieder an ihn ranzukommen.“
Und Liebmann selbst? Der deutete an diesem 12. August schon an, was noch kommen könnte. „Besser werden“, antwortete er auf die Frage nach seinen nächsten Zielen. Da sei noch „ein bisschen Potenzial“, er sehe „immer noch viele Fehler bei mir“. Drei Tage später erfuhr die Schwimmwelt, was er gemeint hatte – und staunte.
Ohne astronomisches Jahrhundertereignis lieferte Liebmann am vorletzten EM-Tag das Spektakel ganz allein – mit einem historischen Rennen, in dem ihm schnell die Gegner ausgingen und er nur noch gegen die Uhr schwamm. Und ihn auch die virtuelle Weltrekordlinie nicht mehr einholte. Um fast vier Sekunden pulverisierte Liebmann die alte Bestmarke, die der Amerikaner Bobby Finke bei seinem Olympiasieg 2024 über 1500 m Freistil ebenfalls in Paris aufgestellt hatte. 14:26,79 – erstmals durchbrach ein Schwimmer die Marke von 14:30 Minuten.
Die 5000 Zuschauer feierten den jungen Deutschen wie sonst nur ihren Bassinhelden Léon Marchand. Liebmann genoss nach dem Anschlag den Jubel sichtlich, musste aber erst einmal seine Gefühle sortieren. „Was in mir vorgeht, weiß ich selbst noch nicht genau. Es ist auf jeden Fall viel.“
Erst im Mai hatte er sein Abitur in Englisch, Biologie, Sport, Geschichte und Mathematik gemacht, jetzt war er plötzlich der „neue Superstar“, wie Oliver Klemet formulierte. Der Freiwasser-Europameister und Olympiazweite war eigentlich Teil des Spektakels, als Bronzemedaillengewinner mit fast 14 Sekunden Rückstand aber eher Staffage. Florian Wellbrock, nach seinen Freiwasser-Triumphen in der Seine nach Los Angeles weitergereist, schrieb aus der Ferne, Liebmanns Rennen sei „Kunst“ gewesen. Und schnell war das „German Wunderkind“ geboren, wie ihn die offizielle Olympiaseite nannte.
Wer ist der zweite aktuelle deutsche Weltrekordler neben Olympiasieger Lukas Märtens? Der neueste Siegschwimmer aus der Magdeburger Medaillenschmiede von Bundestrainer Bernd Berkhahn – die dritte Generation gewissermaßen. So früh wie der 19-jährige Liebmann, der 2023 von Elmshorn nach Sachsen-Anhalt gewechselt war, stand aber noch keiner seiner Vorgänger ganz oben auf dem Podest. Wellbrock und Märtens waren 20, als sie ihre ersten internationalen Titel gewannen.
Auch sie sammeln weiter fleißig Medaillen, Wellbrock inzwischen als Freiwasser-Dominator auch in Paris, Märtens bei der EM neben Bronze über „seine“ 400 m Freistil auch erstmals über die halbe Distanz mit der Mixed- und der Männerstaffel – in Silber und Bronze. Ohnehin war Berkhahns „beste Trainingsgruppe der Welt“, wie DSV-Sportvorstand Christian Hansmann sie nannte, einmal mehr der deutsche Medaillenlieferant im Becken. Die Olympiadritte Isabel Gose holte dreimal Silber, ihre Trainingspartnerin Maya Werner dreimal hinter ihr Bronze.
Nur zwei der 14 Podestplätze kamen ohne Magdeburger Zutun zustande. 800-m-Vizeeuropameister Schwarz trainiert in Hannover, fliegt aber mit Berkhahns Gruppe in die Trainingslager. Angelina Köhler, die zwei Jahre nach ihrem „traumatischen“ vierten Platz bei Olympia mit Silber über 100 m Schmetterling Versöhnung mit Paris feierte, ist in Berlin zu Hause.
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