Am “Tiefpunkt” hatten manche – nach der mäßigen olympischen Bilanz der Winterspiele – gefaselt, sei der deutsche Sport jetzt. Keine(r) wolle sich mehr quälen, anstrengen für schnelle Zeiten, hohe Punktzahlen und viele Meter. Quo vadis Germania. Der aktuelle Blick in die häufig verpönten Internet-Posts, nach Leichtathletik- und Schwimm-EM, RSG-WM und Weltreiterspielen, zeigt: die Community ist nicht nur stolz auf Sport-Deutschland, sondern erhofft sich weitere Exploits. “Denn wir können es doch.”
Stundenlang hatten die TV-Freaks zuhause die Übertragungen aus Birmingham, Paris, Frankfurt und Aachen verfolgt. Der Trend: bitte mehr davon. Und weniger Fußball – aber das ist ein anderes Thema.
Darja Varfolomeev holte die Gymnastik-Titel in Mehrkampf, mit Ball und Band. Die Festhalle huldigte der 19-Jähigen vom TSV Schmiden. Ob ihrer Grazie, Perfektion, Risikobereitschaft und Ausdruck. Dafür schindet sich “Dascha” täglich bis zu acht Stunden im Training. Jetzt gilt sie einmal mehr als Mitfavoritin auf die Auszeichnung “Sportlerin des Jahres”. Gegen die Gold-Damen von Cortina, Julia Taubitz (Rodeln) und Laura Nolte (Bob).
Zum 80. Mal wählen Journalisten (und Elite-Sportler) ihre Besten – ein solches Gros an Kandidaten aber gab es selten zu bewerten. Man blicke ins Wasser der Schwimm-Europameisterschaft (u.a. Isabel Gose) auf die Leichtathletik-Bahn (z.B. Gesa Krause) ins Dressur-Viereck (zehntes WM-Gold für Isabell Werth) und an den Stufenbarren (EM-Coup von Helen Kevric).
Bei den Herren werden sich die Juroren ähnlich schwer tun. Das neue Sommermärchen brachte Newcomer Johannes Liebmann zum Vorschein. Oder Outdoor-Krauler Florian Wellbrock. Alles Außenordentliche, deren Einsatz bei der Vorbereitung jede Vorstellung übertrifft. Auf der nach oben offenen Quäl-Skala wohl bis +10… Sonst schwimmt man keinen Weltrekord. Die Europameister von Birmingham, von Leo Neugebauer bis Amanal Petros sorgen für ordentlich Konkurrenz. Im Gelände hielt Michael Jung Gold und Silber hoch zu Ross dagegen.
Mal abgesehen, dass der deutsche Sport-Traumsommer noch gar nicht abgeschlossen ist, liest sich die Bilanz märchenhaft. Die Protagonisten hielten die Fans in Atem, holten sie zigfach zurück in die Stadien, vor Bildschirme und Laptops. Auf Augenhöhe mit den anderen kontinentalen Top-Ländern Italien und Großbritannien: zurück auf dem Podest. Vielleicht hat die Sommer-Sause auch Auswirkungen auf den Entscheid des DOSB für die deutsche Olympia-Bewerbung. Passiert am 26. September in Baden-Baden. Und ja, am 20. Dezember wollen sich die Stars`26 zur Gala “Sportler des Jahres” treffen. Es dürfte eng werden im Kurhaus.
Bild: Tom Weller