Wimbledon, 7. Juli 1985: DER Tag

Wimbledon, 7. Juli 1985: DER Tag

Wimbledon, 7. Juli 1985: DER Tag

Es gibt sie, diese Tage, von denen man auch Jahre oder gar Jahrzehnte später noch genau weiß, was man gemacht hat oder wo man gerade war. Weil sich Historisches, oder zumindest völlig Aufsehen erregendes, zugetragen hatte. Der Tag der Mondlandung am 21. Juli 1969. Oder der Fall der Mauer am 9. November 1989. Und dann gibt es auch noch diesen einen Tag, der sich am Montag, dem 7. Juli, zum 40. Mal jährt. Den Tag, an dem die Nation einen strahlenden neuen Helden geschenkt bekam.

Als ein 17-Jähriger aus der badischen Kleinstadt Leimen, Groß und Klein, Männlein wie Weiblein, vor dem Tennis-Bildschirm einte. Um vor Aufregung mit zu zittern, was sich da Unglaubliches auf dem Grün des heiligen Rasens von Wimbledon tat. Es war der Tag, an dem das Tennisspiel domestiziert wurde. Als das Spiel mit dem gelben Filzball den elitären Schichten der Gottfried-von-Cramm-Gedenkenden, den Bungert- und Kuhnke-Bewunderern, entrissen wurde. Als sich die Bewahrer des sportlichen Standesdünkels fortan auf Cricket, Polo oder Ähnliches zurückziehen mussten.

Ganz Deutschland hatte plötzlich einen Liebling. Einen neuen Namen. Einen neuen Alltagsbegriff. Etwas, womit jeder halbwegs Sport-Interessierte etwas anfangen konnte und sofort wusste, um was es ging. Ungefähr so wie „aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen…“ Wer „Bumm-Bumm-Becker“, den es zwei Wochen vorher noch gar nicht wirklich gegeben hatte, nicht kannte, der konnte nicht mehr mitreden beim neuen Thema Nr. 1. Im Stammlokal, in der Mittagspause auf dem Bau, im Büro-Geschwätz über die Schreibtische hinweg. Sogar auf manche Kanzel in der Sonntagspredigt soll es der Ausbund jugendlichen Sturms und Drangs geschafft haben. Von ‚ARD Tagesschau‘ und ‚ZDF heute‘ ganz zu schweigen.

Deutschlands Tennis-Vereine erlebten ungeheuren Mitglieder-Zulauf. Kreuzbrave Damen, ansonsten (fast) nur um das Heil ihrer Familien besorgt, stöberten plötzlich den Neckermann- oder Quelle-Katalog nach der angesagtesten Tennis-Couture durch. Und Herren, die sich in der Regel eher um die exakte Definition des Begriffes „abseits“ bemühten, kämpften sich auf einmal in Zeitungen und Lexika durch verbale Ungetüme: Longline, Cross, Vorhand, Rückhand, break, Re-break und Lob. Und wussten am Ende, dass ein Dreisatz-Sieg nicht unbedingt etwas über Mathematik oder Rechtschreibung aussagte.

Kein Wunder also, dass der strahlende Held auch bei den weiblichen und männlichen Juroren der Wahl zum „Sportler des Jahres“ die Welt von heute auf morgen auf den Kopf stellte. Deutschlands Schwimm-Ass Michael Groß, im Olympiajahr 1984 ganz obenauf im Ranking, formulierte es treffend: „Ich hätte in diesem Jahr über das Wasser laufen müssen, um ihn schlagen zu können.“

Es blieb nicht bei dem einen Jahr als „Sportler des Jahres“ des jungen Mannes, der den auf ein Mindestmaß gestutzten Rasen des All England Lawn Tennis and Croquet Club im vornehmen Londoner Stadtteil Wimbledon später als sein Wohnzimmer bezeichnen sollte. Insgesamt viermal, 1985, 1986, 1989 und 1990, triumphierte „Bumm-Bumm-Boris“. Etwas, was neben ihm (bei den Männern) nur dem erwähnten „Albatros“ Michael Groß gelang.

Und alles begann an jenem 7. Juli 1985. Der Tag, als Deutschland das Spiel mit dem Racket für sich entdeckte.

Bild: Boris Becker bei der Wahl zum Sportler des Jahres 1995 zusammen mit Sportlerin des Jahres Cornelia Hanisch (Fechten) und Lothar Späth (damaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg)

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