Die Tour de France beginnt – und der deutsche Radsport hat mal wieder eine große Hoffnung. Florian Lipowitz heißt sie, kommt aus Laichingen auf der Schwäbischen Alb – und war vor einigen Jahren noch als Biathlet auf schmalen Brettern im Schnee unterwegs. Die hat er mittlerweile gegen schmale Pneus ausgetauscht. Seit zwei Jahren ist er Radprofi beim Team Red Bull – Bora – hansgrohe. „Er kam mitten im Winter zu mir, hat mich gefragt, was er tun muss, um Radprofi zu werden. Denn als Biathlet hat er nicht mehr so viel getroffen“, erzählt Teamchef Ralph Denk. Und noch heute freut er sich über die Chuzpe des Youngsters, sich einfach so bei ihm zu melden.
Lipowitz bewies bereits im letzten Jahr als Gesamt-Siebter der Spanien-Rundfahrt, dass sein Körper für Grands Tours sehr gut geeignet ist. „Ich freue mich auf meine erste Tour. Ich werde dabei versuchen, Primoz Roglic so gut wie möglich zu helfen“, deutete er nach der Dauphiné-Rundfahrt im Juni schon seine Aufgaben an.
Die Hoffnung auf mehr als nur eine Helferrolle ist allerdings groß in Radsport-Deutschland. Lipowitz wird schon als einer gehandelt, der bei big Events die Lücke füllen könnte, die der Tour de France-Sieger Jan Ullrich hinterließ.
Im Team tritt man auf die Erwartungsbremse. „Seine Aufgabe ist es, in Paris anzukommen“, machte Teamchef Denk klar. Er wies auch darauf hin, dass Lipowitz’ Saisonhöhepunkt eben die Dauphiné-Rundfahrt war, die er auf einem starken dritten Platz hinter den beiden Tour de France-Siegern Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard, aber noch vor Vuelta-Sieger und Zeitfahrolympiasieger Remco Evenepoel beendete.
Lipowitz ist unter den deutschen Startern der einzige, dem eine gute Platzierung im Gesamtklassement zuzutrauen ist. Die Hügeletappen der ersten Woche könnten für die bergfesten Sprinter Pascal Ackermann (Israel Premier Tech) und Phil Bauhaus (Bahrain Victorious) liegen, Ob aber gleich Premierenerfolge in Form eines TdF-Etappensieges realistisch sind. Auch Marius Mayrhofer (Tudor) ist bei Sprints aus einem zersplitterten Hauptfeld zu beachten. Auf Ausreißversuche in den Bergen setzen der frischgebackene Deutsche Meister Georg Zimmermann (Intermarché) und seine beiden Meistervorgänger Maximilian Schachmann (Soudal Quick Step) und Emanuel Buchmann (Cofidis). Vor allem mit Helferaufgaben sind Nils Politt (beim Pogacar-Rennstall UAE), Jonas Rutsch (Intermarché) und Niklas Märkl (Picnic Post-NL) betraut.
Mit insgesamt zehn Tour de France-Startern liegt Deutschland (Redaktionsschluss) auf einer Höhe mit klassischen Radsportnationen wie Italien und Spanien. In den letzten Jahren waren es ein bis zwei Mann weniger. Statistisch geht es also nach oben.
Der Auftakt ist am Samstag im nordfranzösischen Lille. Danach geht es durch die Normandie und die Bretagne – mit kleinen Chancen für die deutschen Sprinter. Das Zeitfahren im Departement Calvados dürfte erstmals Struktur ins Klassement bringen. Die entscheidenden Etappen sind die drei Pyrenäen-Tage (17. bis 19. Juli) sowie die Kletterpartien zum Mont Ventoux (22. Juli) und Col de la Loze (24. Juli). Dort leuchtet dann hoffentlich der Stern des Florian Lipowitz hell auf – um vielleicht auch für die Wahl „Sportler des Jahres“ Pluspunkte zu sammeln.
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