Dem Himmel schon so nah

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Zum Tod von Laura Dahlmeier: Das tragische Ende einer Freiheitsfanatikerin und Gipfeljägerin

Es war einer ihrer prägnantesten Sprüche. In ihrem urbayerischen Dialekt vorgetragen kam das „Scheiß‘ da nix, dann feid da nix“ in Interviews bisweilen derb oder gar unflätig daher. Wenn Laura Dahlmeier, Deutschlands ehemalige Top-Biathletin, aber Sekunden später ihre Mundwinkel nach oben zog und ihr strahlendes Lächeln auspackte, dann war alles gut. Es war das spitzbübische in ihr, die direkt indirekte Botschaft, Dinge mit Gelassenheit und Nervenstärke anzugehen – und damit eher ans Ziel zu kommen als mit Ängstlichkeit und Zaudern. Diese Lebensphilosophie hat Laura Dahlmeier weit nach oben gebracht, beim Biathlon ebenso wie bei ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Bergsteigen. Wie tragisch, dass Dahlmeier nun mit nur 31 Jahren im Hochgebirge von Pakistan tödlich verunglückt ist – dem Himmel schon so nah.

Etwa 300 Meter unterhalb des Gipfels des 6069 Meter hohen Laila Peak beendete ein Felssturz die Träume und das Leben dieser außergewöhnlichen Sportlerin und Privatperson. Noch vor knapp einem Jahr hatte Dahlmeier in einem Interview offen über die Risiken des Bergsteigens gesprochen: „Klar fange ich an zu überlegen, was einem wirklich wichtig ist und wie schnell es vorbei sein kann. Wenn ich meine drei toten Freunde Robert, Xaver und Beni fragen würde, dann würden sie mir raten: Geh raus und mache das, was du gerne machst.“ Mit dem Tod außergewöhnlich oft konfrontiert (ihr Ex-Freund Robert Grasegger verstarb im Januar 2022 mit 29 Jahren bei einem Lawinenunglück in Patagonien) gab sich Dahlmeier bewusst lebens- und abenteuerlustig.

Sport-Deutschland reagiert geschockt, bestürzt und mit großer Betroffenheit auf den Tod der erfolgreichen Wintersportlerin. Es herrscht große Einigkeit, eine höchst erfolgreiche, sympathische, bescheidene und stets bodenständig gebliebene Persönlichkeit verloren zu haben. 2017 wurde Dahlmeier nach fünf Gold- und einer Silbermedaille bei der Biathlon-WM in Hochfilzen in Baden-Baden zu Deutschlands Sportlerin des Jahres gekürt. Wenige Monate später erklomm sie den Olymp und wurde im südkoreanischen Pyeongchang Doppel-Olympiasiegerin – im Sprint und in der Verfolgung. Obwohl ihr Trainer und Teamkolleginnen noch viele Medaillen und Triumphe vorhergesagt hatten, beendete Dahlmeier mit nur 25 Jahren überraschend früh ihre aktive Karriere.

Als wäre der Profisport ein Käfig und sie die freiheitsliebende Löwin brach sie aus, steckte sich große und neue Ziele als Bergsteigerin und Kletterin. Ihr Biathlon-Gewehr stellte sie in die Ecke. Den auf den Gewehr-Schaft aufgeklebten Spruch „Scheiß‘ da nix, dann feid da nix“ trug sie als Motto aber weiter durchs Leben. Dahlmeier zog Parallelen zwischen Schießstand und Steilwand: „Am Berg kann man ja auch nicht sagen: Ich mag jetzt nicht mehr, ich höre auf. In der Wand musst du dich zusammenreißen. Und beim letzten Schießen noch einmal richtig fokussieren.“
Sie liebte und suchte neben ihrer Rolle als ZDF-Expertin bei Biathlon-Übertragungen immer wieder die Herausforderung in den Bergen. Eine Hütte mit Dusche und WLAN nannte sie einen „Schmarrn“. Da oben, sagte sie, sei es wichtig, sich zu reduzieren. Deshalb beschritt sie neue, noch nicht gegangene und gefährliche Pfade. „Zu wissen, du hast keinen doppelten Boden, macht dich noch konzentrierter. Du denkst an nichts anderes mehr, bist im Hier und Jetzt.“ So definierte Dahlmeier Genuss und Genugtuung im Gebirge. Deshalb hatte Dahlmeier bestimmt auch bei der Expedition in Pakistan und speziell im Moment des Felssturzes ein Lächeln im Gesicht. Hoffen wir es zumindest.

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