2019 machte sich der 19-jährige Schwabe Leo Neugebauer aus Leinfelden-Echterdingen (bei Stuttgart) auf den Weg nach Austin/Texas, um an der dortigen Universität Wirtschaftswissenschaft zu studieren. Es war die Initialzündung für eine lange Reise auf den Thron des deutschen Sports.
Mit zehn Jahren fiel die Entscheidung: Zehnkampf statt Fußball, und „Leo the German“, wie er dann in seiner Wahlheimat genannt wurde, suchte mit der Förderung in den USA den sportlichen Erfolg. Er wurde NCAA-Champion, holte die deutschen Rekorde im Siebenkampf in der Halle und im Zehnkampf und sorgte in Paris und in Tokio für die ganz großen Coups.
25. September 2025, Leichtathletik-WM: Neugebauer lag nach dem 1500-Meter-Rennen im Regen von Tokio auf der Bahn, sein Blick in den Nachthimmel gerichtet. „So schlecht, wie in dieser Situation, habe ich mich noch nie gefühlt“, sagte er hinterher, nachdem er alles gegeben hatte. Doch seine Emotionen waren noch nie größer, als er wieder auf den Beinen war, die Goldmedaille in den Händen: Weltmeister im Zehnkampf, „König der Athleten“, die höchste Auszeichnung, die es in der Leichtathletik gibt, „das ist unbeschreiblich“.
Mit einem unglaublichen zweiten Tag und zwei persönlichen Bestleistungen im Speerwerfen (64,34 m) und über 1500 Meter (4:31,89 min.) besiegte er in Japan die Konkurrenz. Ein Jahr zuvor noch hatte er bei den Olympischen Spielen in Paris mit der Silbermedaille bereits nach den Sternen gegriffen. Mit seinem fast unerschöpflichen Potenzial ist Neugebauer noch nicht am Ende.
„Leo ist schon unglaublich“, urteilte Jürgen Hingsen, Ex-Weltrekordler im Zehnkampf, über den jungen Himmelsstürmer, der ihm 2024 mit 8961 Punkten den 39 Jahre alten DLV-Rekord abgenommen hatte. Wann wird er als erster Deutscher die 9000-Punkte-Marke überbieten? Vier Athleten haben dies bisher weltweit geschafft. Der Weg in diese Ruhmeshalle ist nicht mehr weit. „Wenn Leo mal zwei außergewöhnliche Tage erwischt, kann es in Richtung Weltrekord gehen“, glaubt Frank Busemann, Olympiazweiter von 1996.
Dem Erfolg folgten die Ehrungen: Bambi-Verleihung in München, Talisman-Preis aus den Händen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Und jetzt „Sportler des Jahres“ 2025. Er steht damit in der Reihe der großen Zehnkämpfer Willi Holdorf, Kurt Bendlin, Guido Kratschmer, Thorsten Voss, Frank Busemann und Niklas Kaul.
Davor hatte Neugebauer noch eine Reise nach Kamerun in die Heimat seines Vaters Terrence gemacht. Als Botschafter von UNICEF besuchte er Schulen, Kindergärten, Geburtskliniken, musizierte, sang und trieb Sport mit den Kleinen. „Die Reise ging Leo mächtig unter die Haut“, stellte Mutter Diana hinterher fest: Die strahlenden Kinderaugen waren für den besten Zehnkämpfer der Welt wie der Gewinn von Goldmedaillen und dem Aufstellen von Rekorden.