Florian Lipowitz begeistert bei der Tour de France durch seine Angriffslust. In der Auffahrt zum extrem schweren Alpengipfel Col de la Loze attackierte er auf der 18. Etappe sogar die Rundfahrtkönige Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard. Die beiden staunten nicht schlecht, als der Red Bull – Bora – hansgrohe-Profi in einer Phase der Konfusion plötzlich antrat. „Keiner wollte arbeiten. Wir haben vorgezogen, auf unsere Helfer zu warten“, beschrieb Vingegaard die Situation, wie sie sich für ihn und wohl auch für seinen großen Rivalen Pogačar darstellte. „Dort im Tal haben sich alle ein bisschen angeschaut. Und dann habe ich es probiert, habe die Lücke bekommen und versucht, mich zu pacen“, schilderte Lipowitz seinerseits den entscheidenden Moment. Er konnte seine Attacke jedoch nicht mit dem Etappensieg krönen. Schlimmer noch: Die Favoriten überholten ihn wieder. In deren Schlepptau kam sein härtester Konkurrent um Platz 3 und das Weiße Trikot, der Schotte Oscar Onley, bedrohlich nahe an ihn heran.
Lipowitz hatte im Eifer des Gefechts wohl seine eigenen Reserven überschätzt. „Die letzten zehn Kilometer habe ich gemerkt, die Energie ist nicht mehr da. Dann war es nur noch eine Qual. Die letzten zwei Kilometer dann wirklich die Hölle“, gestand er ein. Aber sein Mut und sein Initiativreichtum elektrisierten die Zuschauer. Denn der 24-Jährige machte den Kampf ums Podium noch einmal spannend. Zwischendurch schien es gar, als könnte er dem Gesamtzweiten Vingegaard noch auf den Leib rücken.
Das misslang. Aber dennoch hatte der Wintersportumsteiger aus dem Biathlon bewiesen, welcher Kampfgeist in seinem schmalen Körper steckt. Aus seinem alten Sport bringt er auch einiges mit in den Ausdauersport auf zwei Rädern. „Was erst in den letzten ein, zwei Jahren in den Radsport kam, dass man teilweise zwei Trainingseinheiten an einem Tag machte, war im Biathlon schon früher gang und gäbe“, erklärt er. Die Belastungen im Biathlon vergleicht er gern mit dem Zeitfahren im Radsport: „Da muss man einfach eine halbe Stunde lang Vollgas geben.“ Der größte Unterschied aber: „Drei Wochen lang hintereinander Rennen fahren, wo man eine derartige Ermüdung durchmacht, das gibt es sonst in keinem anderen Sport.“
Dieser Ermüdungsbelastung hält Lipowitz bei seiner allerersten Frankreich-Rundfahrt bislang bewundernswert Stand. Er ist weiter auf Kurs für den dritten Gesamtrang und das Weiße Trikot des besten Jungprofis.
Angesichts seines starken Auftritts geraten die Leistungen der anderen deutschen Tour-Teilnehmer etwas in den Hintergrund. Aber der Kölner Nils Politt warf sich für seinen Kapitän Pogačar so fulminant ins Getümmel, dass ihm bei der Tour der Ehrentitel „Helfer der Woche“ verliehen wurde.
Die Sprinter Phil Bauhaus und Pascal Ackermann konnten ihr Potential mit zwei Top 10-Ergebnissen, darunter einem dritten Tagesrang für Bauhaus und einem vierten für Ackermann, teilweise bestätigen. Alle anderen waren vornehmlich mit Helferdiensten in ihren Teams betraut. Der Deutsche Meister Georg Zimmermann trat aufgrund seiner Sturzverletzungen nicht mehr zum Start der 10. Etappe an.
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