Lipowitz und „die Aufgabe von uns Profis bei der Tour“

Lipowitz und „die Aufgabe von uns Profis bei der Tour“

Lipowitz und „die Aufgabe von uns Profis bei der Tour“

Das Lächeln kehrte zurück ins schmale Gesicht des Florian Lipowitz (24). Die ersten Tage dieser Tour de France verliefen nicht so ganz nach Wunsch des früheren Biathleten. Er verlor Zeit auf der ersten Etappe, als eine Windkante das Feld zerteilte. Auch bei der 4. Etappe, als Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard in Rouen die Favoritengruppe sprengten, büßte er Zeit ein. „Nach den ersten Etappen habe ich mich nicht ganz so gut gefühlt. Ich habe ein bisschen an mir gezweifelt, auch an der Vorbereitung“, gestand er am Ruhetag ein. 

Als Wendepunkt erwies sich das Zeitfahren der 5. Etappe. Der für Red Bull-Bora-hansgrohe startende Lipowitz wurde Tagessechster, mit nur 42 Sekunden Rückstand auf Pogacar, aber 21 Sekunden Vorsprung auf seinen nominellen Kapitän Primoz Roglic. Danach konnte Lipowitz konstatieren: „Die Form ist gut.“

In den ersten Ruhetag geht er als Gesamtachter, zeigte vor allem bei der allerersten Bergetappe der Tour, dem Ritt durchs Zentralmassiv am Montag, wie gut seine Verfassung ist. „Er musste einfach erst in diesen Tourrhythmus hineinkommen, in diesen brutalen Alltag, der einfach noch härter ist als bei der Dauphiné-Rundfahrt. Die Zuschauer stehen viel enger, die Rennfahrer lassen viel weniger Platz, es wird auch sehr viel später gebremst“, beschrieb sein Sportdirektor Rolf Aldag die Herausforderungen für den Novizen.

Als wichtigsten Erfahrungswert für Lipowitz schilderte er aber dessen durch Leistung errungenes neues Selbstbewusstsein. „Er gehört jetzt zu den Besten, und ich glaube, er scheut sich jetzt nicht mehr, auch zu sagen: ‚Ich gehöre hierhin.‘“ Aldag sieht aber auch noch Lernpotential. „Es geht um das Verständnis, wer wann wie und warum attackiert, und wem man dann hinterherfahren muss.“ Selbst wenn Lipowitz manchmal noch zu früh zuckt, so will ihm Aldag aus dem Begleitauto nicht die Euphorie nehmen und ihn zu schnell zurückpfeifen. Lipowitz soll sich ausprobieren. 

Wie weit ihn das tragen wird, weiß der ehemalige Biathlet selbst noch gar nicht. „Mein Hauptziel bleibt, in Paris anzukommen. Es sind noch immer elf Tage, da kann viel passieren.“ Auch darüber, ob er nun besser als Teamgefährte Roglic ist, vielleicht sogar die Kapitänsrolle übernehmen sollte, zerbricht er sich nicht den Kopf. „Ich bin froh, dass die Beine gut sind und ich hoffe, dass ich Primoz in den Bergen unterstützen kann und dass wir dort ein gutes Zweierteam sind.“

Die große Erwartungshaltung in Deutschland bekommt er natürlich mit. „Ich versuche, es so gut wie möglich auszublenden. Am Ende kann man eh nicht mehr als sein Bestes geben“, sagte er. Auf der anderen Seite freut er sich auch darüber: „Es ist auch schön zu sehen, dass man ein bisschen für den deutschen Radsport machen kann. Wenn man den einen oder anderen begeistern kann, sich aufs Rad zu setzen, dann ist das schön. Und es ist glaube ich, auch irgendwo die Aufgabe von uns Profis.“

Respekt: der Youngster erkennt auch die Verantwortung, die einem Leistungssportler in der Öffentlichkeit auferlegt wird.

Bild: picture alliance

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