Magische Nächte im Fleimstal für die Nordischen?

Magische Nächte im Fleimstal für die Nordischen?

GEIGER Vinzenz
Magische Nächte im Fleimstal für die Nordischen?

„Süden voraus – und im Tunnel sind Staus.
Schon Milano in Sicht – kein Blick zurück.
Auf dem Weg in das Glück – das Italien verspricht.“

Die Älteren müssten sich noch erinnern: An diese leicht sinnfreien Textzeilen, die Udo Jürgens und sangesfreudige, aber nur bedingt playback-begabte DFB-Kicker 1990 vor der Fußball-WM trällerten. „Wir sind schon auf dem Brenner“ hatte das Zeug zum Superhit, wären die Bilder von Andy Brehmes Elfer gegen Argentinien und die des einsam auf römischem Rasen spazierenden Franz Beckenbauer nicht Jahrzehnte lang mit der Reibeisenstimme von Gianna Nannini unterlegt worden, die von magischen Nächten („notti magiche“) und vom „italienischen Sommer“ (Un Estate Italiana) sang.

Nun stehen im italienischen Winter heiße Olympia-Tage an und wieder wollen deutsche Sportler jenseits des Brenners magische Momente erleben. Das Fleimstal mit der Skisprung-Anlage in Predazzo und den Langlauf-Loipen in Tesero könnte für die nordischen Wintersportler des DSV zum Tal der (Medaillen-) Träume werden.  Die Generalproben in Willingen und Seefeld eine Woche vor Beginn der Spiele jedenfalls haben gezeigt: Spezialspringer und Nordische Kombinierer sind in Topform und können ein Wörtchen mitreden, wenn es um Gold, Silber und Bronze geht.

Dass in Willingen bei beiden Einzeln ein DSV-Springer auf dem Podest stand, erfüllte Bundestrainer Stefan Horngacher zwar mit großem Stolz und der Erkenntnis, „jetzt zufrieden und mit einem guten Gefühl nach Predazzo fahren zu können“. Dennoch gibt’s Grund zum Grübeln. Denn ausgerechnet der nicht für Olympia qualifizierte und lange seiner Form hinterherhinkende Oberstdorfer Karl Geiger kam in Willingen wie Phoenix aus der Asche und zeigte mit Rang zwei im Mixed und Platz drei im ersten Einzelwettbewerb, dass man ihn nie abschreiben darf. Als Geiger beim zweiten Einzel mit Rang 21 patzte, sprang sein Vereinskollege Philipp Raimund in die Bresche, platzierte sich hinter den Überfliegern der Saison, Domen Prevc und Ren Nikaido, auf Rang drei und betankte sich selbst und seine Teamkollegen vor Olympia-Beginn mit reichlich Optimismus. „Mannschaftlich waren wir noch nie so stark in dieser Saison“, frohlockte Horngacher, der Geiger nur theoretisch als Ersatzmann nachnominieren könnte, wenn aus seinem Team mit Raimund, Andreas Wellinger, Pius Paschke und Felix Hoffmann einer erkranken würden.

Horngachers Kollege Heinz Kuttin, zuständig für die DSV-Skispringerinnen, musste in Willingen ohne Podestplatz auskommen. Agnes Reisch (Plätze 4 und 5), Selina Freitag (6./4.) und Katharina Schmid (8./11.) seien aber nah dran. Der enge Terminkalender kombiniert mit ein bisschen Wut im Bauch, „dass sie es besser können“, sind für Kuttin gar keine so schlechten Vorzeichen: Neue Anzüge anprobieren, nach Norditalien reisen, zweimal trainieren und „dann geht’s“, so Kuttin, „schon um die ersten Medaillen. Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken.“   

Das kleinste, aber vermutlich schlagkräftigste Team stellen die deutschen Kombinierer, die im Fleimstal mit Titelverteidiger Vinzenz Geiger, Routinier Johannes Rydzek und Julian Schmid zu den Topfavoriten zählen. Neben der eigenen Medaillenjagd geht es für das Trio von Bundestrainer Eric Frenzel aber auch darum, ihre Sportart vor dem olympischen Aus zu bewahren. Die einzige Disziplin, bei denen die Frauen nicht zugelassen sind, steht nämlich beim IOC seit über vier Jahren unter Beobachtung. Vinzenz Geiger, der beim Seefeld-Triple mit Platz 1 und 3 zweimal aufs Podium sprang, versteht das nicht: „Was müssen das für Adrenalin-Junkies beim IOC sein“, fragte der Oberstdorfer, „wenn sie diese Wahnsinns-Wettkämpfe sehen und immer noch behaupten, die Nordische Kombination sei nicht spannend genug.“ Und kämpferisch schob Geiger hinterher. „Auch bei Olympia werden wir es ihnen zeigen.“ Locker und gelassen geht Johannes Rydzek, 2015 mit der Mannschaft „Sportler des Jahres“ und 2017 beim Einzel-Voting vorne, seine fünften und letzten Spiele an. Der 34-Jährige will hauptsächlich Spaß haben und freut sich darauf, im deutschen Teamhotel regelmäßig seine sechs Jahre jüngere und langlaufende Schwester Coletta zu sehen. Sie gewann kurz vor Olympia mit Laura Gimmler den Teamsprint in Goms in der Schweiz und ist derzeit die beste Sprinterin Deutschlands. „Mich würde es nicht wundern, wenn sie mit einer Medail le nach Hause kommt“, sagt Johannes Rydzek kurz vor der Abreise nach Italien und grinst so schelmisch, als würde im Hintergrund aus einer alten Juke-Box Udo Jürgens erklingen:

„Wir sind schon auf dem Brenner.
Wir brennen schon darauf.

Bild: picture alliance

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