Mit den Kumpels auf den EM-Thron

Mit den Kumpels auf den EM-Thron

Mit den Kumpels auf den EM-Thron

Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit, um die Leistung der deutschen Basketballer bei diesen Europameisterschaft einzuordnen. Der EM-Titel 1993 war längst verblasst, die großen Zeiten mit Dirk Nowitzki und WM-Bronze (2002) sowie EM-Silber (2005) ebenfalls nur eine schöne Erinnerung, es galt den Basketball neu zu strukturieren und eine erfolgversprechende Mannschaft aufzubauen. Diese Aufgabe wurde vor etwas mehr als einem Jahrzehnt Bundestrainer Frank Menz zuteil, rekrutiert aus dem Nachwuchsbereich des Deutschen Basketball Bunds (DBB). Und die EM 2013 begann verheißungsvoll mit einem Sieg gegen den späteren Europameister Frankreich und dessen Superstar Tony Parker, der die San Antonio Spurs als Spielmacher zu vier NBA-Titeln führte. Dann folgten Niederlagen gegen Belgien, die Ukraine und Großbritannien, allesamt keine Basketball-Großmächte, und das Aus in der Vorrunde. Hängen blieb von diesen Titelkämpfen, die zur besten Sendezeit in den öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen wurden, eigentlich nur eine Auszeit, in der Kapitän Heiko Schaffartzik seinem Trainer das Wort entzog. Der deutsche Basketball lag in Trümmern.
Und nun?
Ist das deutsche Basketball-Team am vorläufigen Höhepunkt angekommen. Vor drei Jahren gab sich eine Gruppe talentierter Profis um Trainer Gordon Herbert das Versprechen, sich im Jahresrhythmus zu EM, WM und Olympia zu treffen, die strapazierten Euroleague-Spieler wie auch die Kräfte aus Übersee – eine goldene Ära war angebrochen: EM-Bronze 2022, der WM-Sieg ein Jahr später und Rang vier bei den Sommerspielen im Vorjahr. Und nun hat dieses Kollektiv um den unangefochtenen Anführer Dennis Schröder sein vorläufiges Meisterstück vollbracht: Neun Spiele und neun Siege in teils mitreißenden Partien gegen Slowenien oder Finnland, mit dem 88:83-Finalsieg in Riga gegen starke Türken als krönendem Abschluss. Deutschland hatte zwar nicht die ganz großen NBA-Stars wie Nikola Jokic (Serbien), Luka Doncic (Slowenien) oder den Griechen Giannis Antetokounmpo – dafür die beste Mannschaft. Nicht umsonst sprach Isaac Bonga davon, dass ihm dieses Turnier eher wie eine Klassenfahrt mit seinen Kumpels vorkam, als ein fordernder kontinentaler Wettstreit. Kapitän Dennis Schröder, der wie schon beim WM-Triumph zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt wurde, nennt diese Mannschaft fast schon zärtlich „meine Familie“.

Kein Spieler, der nicht sofort vom unglaublichen Teamspirit spricht, einer steht für den anderen ein, jeder Einzelne fügt sich in seine Rolle, sieht das Team über allen Eitelkeiten: In Tampere und Riga standen zwölf Freunde auf dem Feld. Wie eng der Zusammenhalt ist, durfte auch der neue Trainer erfahren: Als der Spanier Alex Mumbru in der Vorrunde wegen einer akuten Bauchspeicheldrüsen-Entzündung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, übergab er die Leitung uneitel an seinen Assistenten Alan Ibrahimagic, die Spieler rückten noch enger zusammen und gemeinsam wurde das Projekt zum Erfolg geführt – mit dem geschwächten Mumbru auf der Bank.
Nie zuvor war ein deutsches Team Welt- und Europameister, dabei machten erneut die Bankspieler den Unterschied. Zwar sind die erprobten NBA-Kräfte Schröder und Franz Wagner, der vielen als Nachfolger von Nowitzki gilt, die herausragenden Akteure, weil sie die meisten Punkte erzielen und ein Team tragen können. Doch entscheidende Akzente setzten auch Maodo Lo in einem zähen Achtelfinale gegen Portugal, der Neu-NBA-Profi Tristan da Silva, als er einen Wurf von jenseits der Mittellinie im slowenischen Korb versenkte, oder eben Bonga, im Finale zum besten Spieler gewählt. Es wäre aber nicht gerecht, einzelne Akteure aus diesem eingeschworenen Kollektiv hervorzuheben, das schon nach dem WM-Triumph von den deutschen Sportjournalisten zur „Mannschaft des Jahres“ gewählt wurde. Die Chancen für eine Wiederholung stehen nicht schlecht.
Und die Zukunft?
Zum einen fehlten wichtige Spieler wie Franz-Bruder Moritz Wagner, NBA-Champion Isaiah Hartenstein, Co-Kapitän Johannes Voigtmann oder Abwehrspezialist Nick Weiler-Babb. Darüber hinaus warten Talente aus der U20, die im Sommer WM-Silber gewann. In zwei Jahren will die DBB-Auswahl den WM-Titel verteidigen, das Versprechen geht weiter.

Bild: picture alliance

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