Wie der Neuling ins Regenbogentrikot stürmte

Wie der Neuling ins Regenbogentrikot stürmte

Wie der Neuling ins Regenbogentrikot stürmte

Als der Japaner Kuboki vor ziemlich genau einem Jahr in Kopenhagen zum Weltmeister im Scratch gekürt wurde, kurierte Moritz Augenstein zu Hause in Keltern-Dietlingen im Enzkreis seine Verletzungen aus. Der damals 27-Jährige stürzte bei der Deutschen Kriteriumsmeisterschaft in Kempten schwer, als ihm eine Passantin ins Rad lief. Das linke Schlüsselbein und das rechte Schulterblatt waren gebrochen, zudem das rechte Schultergelenk gesprengt. Der Traum von seiner ersten WM-Teilnahme war geplatzt.

Keine vier Monate später ereilte ihn der nächste Schicksalsschlag: Beim Trainingslager auf Mallorca, wo er sich mit der deutschen Nationalmannschaft auf die Bahn-EM in Belgien vorbereitete, fuhr ein Auto in die Trainingsgruppe, verletzte viele Fahrer schwer, darunter auch Augenstein. Und wieder musste er zuschauen und am Fernseher miterleben, wie der Portugiese Leitao zum Titel stürmte.

Manch anderer hätte vielleicht das Handtuch geworfen. Vielleicht war es wirklich zu spät, mit 28 Jahren noch auf eine erfolgreiche Teilnahme bei einer großen internationalen Meisterschaft zu hoffen. Aber Augenstein ist ein Kämpfer. War er schon immer. Sonst hätte er es nicht zu so vielen nationalen Meistertiteln geschafft und das alles, ohne dem Sportfördersystem des deutschen Spitzensports anzugehören.

Als Jugendlicher war Augenstein Mitglied der Nationalmannschaft, aber in den Elitekader schaffte er es nie. Darum musste er sich ein zweites Standbein schaffen, machte eine Ausbildung zum Verfahrenstechniker und begann in der Corona-Zeit neben seiner Arbeit ein Bachelor-Studium. Aber der Radsport ließ ihn nie los und so kämpfte er sich mit viel Disziplin und eisernem Willen national an die Spitze: 2023 wurde er in Cottbus Deutscher Meister im Scratch, Madison und Punktefahren, ein Jahr später verteidigte er in Berlin alle Titel. In diesem Jahr musste er sich in Dudenhofen mit zweiten Plätzen begnügen und wurde ausgerechnet im Scratch nur 19. An seiner WM-Nominierung aber musste er nicht zweifeln. Der deutsche Verband hatte ihm inzwischen einen Platz bei der Sportkompanie der Bundeswehr besorgt, so dass sich Augenstein in diesem Jahr voll auf den Sport konzentrieren konnte. Zusammen mit der Nationalmannschaft absolvierte er sein erstes Höhentrainingslager in Livigno in Italien. Den letzten Feinschliff vor der WM holte er sich im Abschlusslehrgang in Frankfurt/Oder. „Endlich,“ so erzählte er vor der Abreise nach Chile, „konnte ich mich mal voll und ganz auf den Sport konzentrieren.“

Ein gutes Umfeld bietet ihm auch sein Team Pushbikers, dem er bereits vor zehn Jahren angehörte, und wohin er 2025 zurückkehrte. „Moritz ist für mich fast ein Pushbiker der ersten Stunde“, sagt Teamchef Christian Grasmann, der früher noch mit Augenstein Rennen fuhr.

Vier Wochen vor dem Abflug nach Chile gewann Moritz Augenstein seinen ersten internationalen Titel: In Erfurt wurde er Europameister im Derny. Das brachte viel Selbstvertrauen, denn durch die langen Trainingseinheiten wusste der Badener nicht wirklich, wie sein Leistungsstand ist. „Ehrlich gesagt muss ich jetzt erst mal in Chile einige Runden auf der Bahn drehen um zu spüren, wie meine Form ist. Ich hatte vor der WM wenig Wettkämpfe“, sagte er vor dem Abflug. Auch die klimatischen Bedingungen, die Zeitverschiebung, waren ungewisse Komponenten auf dem Weg zum ersten WM-Titel.

Aber Augenstein weiß, was er kann und wie er sein Talent richtig einsetzt. Außerdem ist er ein guter Taktiker. Da kommt ihm seine jahrelange Erfahrung zugute. Augenstein ist kein ungestümes Fohlen, dass man führen muss. Und so wusste er in Chile genau, was er tun musste. Und fuhr gleich bei seinem ersten WM-Einsatz das Rennen seines Lebens.

Anschließend wurde er noch Fünfter im Omnium und verpasste im Madison an der Seite von Roger Kluge nur knapp die Bronzemedaille. Durch einen dummen Fehler der Jury wurde dem Feld ein falscher Punktestand vermittelt, der natürlich Einfluss auf den Rennverlauf und die Taktik nahm. Als das Missgeschick korrigiert wurde, warteten Augenstein und Kluge schon auf die Siegerehrung. Doch daraus wurde dann nichts. Aber so bleiben dem ihm wenigstens noch weitere Ziele für die kommenden Jahre. Denn Chile war sicherlich nicht die letzte WM von Moritz Augenstein.

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