Es gibt im Sport oft die zwei Seiten einer Medaille. Die vordere, das ist meist sehr hübsch. Und die hintere, die womöglich nicht ganz so schöne. Oliver Zeidler musste nicht lange überlegen, um festzustellen, dass es für ihn bei der Ruder-WM in Shanghai nur Positives gab. Gut, seine Erfolgsserie bei Weltmeisterschaften Serie ist gerissen. Nach dreimal Gold nacheinander reichte es für den Paris-Olympiasieger dieses Mal „nur“ zur Silbermedaille. Aber die, weiß der Einer-Ruderer, „glänzt mit einem goldenen Rand“. Denn er war mit vergleichsweise geringeren Erwartungen nach China gereist. „Ich war schon zufrieden, dass ich das A-Finale erreicht habe. Dass ich hier mit Edelmetall nach Hause gehe, ist ein schöner Bonus“, sagte der 29-Jährige, der die Titelkämpfe vor allem als „eine Art Kick-off für den nächsten Olympiazyklus“ sah.
Klingt ein bisschen nach Untertreibung und einer Spur zu großer Bescheidenheit, schließlich dominiert Zeidler doch die Konkurrenz im Skiff seit 2019 mit wenigen Ausnahmen und trat bei jeder Regatta als großer Favorit an. Aber sein Fokus lag in diesem nacholympischen Jahr auf dem Masterstudium an der Wirtschaftshochschule in Lausanne. Keine Europameisterschaft, keine Weltcups, lediglich an der prestigeträchtigen Henley Royal Regatta in London nahm der dreimalige Gewinner teil, schied dort aber im Halbfinale aus. Für die WM mussten acht Wochen intensive Vorbereitung reichen. Davor lief das Training beim „Sportler des Jahres“ 2024 nebenbei. Morgens vor der Vorlesung oder in den Semesterferien.
In Shanghai hätte es trotzdem fast geklappt mit dem nächsten Titel. Nicht einmal eine halbe Sekunde fehlten am Ende auf der künstlich angelegten Regattastrecke am Dianshan Hu, dem „seichten See mit Berg“, zu Gold, das der Olympiasieger von Tokio, Stefanos Ntouskos aus Griechenland, gewann. Bis zur 1000-Meter-Marke lag Zeidler sogar in Führung, aber auf der zweiten Hälfte des Rennens reichte die Kraft im Schlussspurt nicht mehr, um sich noch einmal an die Spitze zu setzen. „Man muss ein bisschen mehr trainieren, um den Sprint hintenraus zu stehen“, gibt Zeidler zu, seine Leistungsfähigkeit bei der WM mit 95 Prozent bezeichnete.
Den zweiten Platz sieht der für die Frankfurter Rudergesellschaft Germania startende Oberbayer aber auch als einen wichtigen Hinweis dafür, dass er mit Blick auf die nächsten Titelkämpfe und vor allem die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028, für ihn das vermutlich letzte große Ziel, nicht lockerlassen darf. „Mit Gold hätte ich mir ja sagen können, acht Wochen Training reichen auch in Zukunft. So aber bin ich heiß auf die neue Saison.“ In der er sich wieder ganz aufs Rudern konzentrieren will.